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Der Boden unter den Füßen
Der Boden unter den Füßen
© Salzgeber & Co. Medien GmbH

Kritik: Der Boden unter den Füßen (2019)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Mit dem Drama "Der Boden unter den Füßen" wurde die österreichische Regisseurin Marie Kreutzer dieses Jahr in den Wettbewerb der Berlinale geladen, einen Preis konnte sie für ihr Psychodrama über eine Unternehmensberaterin, die von den eigenen unerfüllbaren Ansprüchen aus der Bahn geworfen wird, nicht mit nach Hause nehmen. Trotz allerlei Klischees und mancher Unklarheit weiß der Film dank seiner durchaus überzeugenden Hauptdarstellerin Valerie Pachner und der ebenfalls gut aufspielenden Pia Herzegger in der Rolle ihrer schizophren Schwester Conny über weite Strecken zu überzeugen.

Die Welt der knapp 30-jährigen Lola (Pachner), ist einsam und kalt. In ihrer schicken großen Altbauwohnung in Wien ist sie so selten, dass sie noch nicht mal weiß, ob ihr Herd angeschlossen ist. Ihr Leben findet fast ausschließlich im Büro, in nichtssagenden Konferenzräumen und anonymen Hotelzimmern statt. Die Kollegen, mit denen sie so wahnsinnig viel Zeit verbringt, sind keine Freunde, sondern erbitterte Konkurrenten. Ihre Chefin, mit der sie eine Affäre hat, ist auch nicht mehr als eine Sexpartnerin. Vertrauen kann sie ihr ebenso wenig, wie allen anderen in ihrem Leben – sich selbst eingeschlossen.
Als typische Vertreterin der Generation Selbstoptimierung ist sie so hart zu sich selbst, wie zu den Kunden, deren Mitarbeiterstruktur sie "optimiert". Morgens in aller Frühe zieht sie joggend ihre Runden, nach einem langen Tag im Büro und Geschäftsessen mit Kunden quält sie sich noch mal ins Fitnessstudio – nicht, weil ihr der Sport Freude bereitet, sondern aus der gut begründeten Angst heraus, bei dem kleinsten Fehler, dem winzigsten Anzeichen von Schwäche, selbst wegoptimiert zu werden.
Und für eine solche gefährliche Schwäche hält sie (zu Recht, wie sich zeigt) ihre ältere, unter paranoider Schizophrenie leidende Schwester. Entsprechend tut sie alles, um diese Schwester – immerhin ihre einzige lebende Verwandte – geheim zu halten.
Doch die Angst vor Entdeckung des vermeintlichen Makels, der permanente Zeit- und Optimierungsdruck hat üble Folgen: Lola muss fürchten, selbst Halluzinationen zu entwickeln. Immer wieder kommt es zu merkwürdigen Situationen, die nicht ganz stimmig einzuordnen sind. Existiert die immer wieder auftauchende Obdachlose, von der Lola wüst beschimpft wird, wirklich? Wie kommt es, dass sie immer wieder von ihrer Schwester angerufen wird, obwohl diese in der Psychiatrie, in der sie untergebracht ist, überhaupt keine Möglichkeit hat zu telefonieren?

Kreutzer löst diese und andere verwirrende Situationen nicht auf, lässt Lola, und damit die Zuschauer, bis zum Schluss im Unklaren. Daneben reißt sie allerlei andere Themen an. Prominent den grassierenden Selbstoptimierungswahn, weniger deutlich Emanzipation bzw. die im wirtschaftlichen Kontext noch immer wirksamen patriarchalen Denkmuster und Strukturen, sowie die Ökonomisierung von Beziehungen – lässt sie dann aber wieder fallen, arbeitet sie nicht weiter aus, und lässt die Zuschauer so letztlich vielleicht ein wenig zu allein mit der Bewertung. Optisch ist das ganze versiert, aber unauffällig in Szene gesetzt.

Fazit: Optisch unauffälliges, aber gut gespieltes Psychodrama um eine hauptsächlich an den eigenen Ansprüchen zerbrechende Unternehmensberaterin. Leider mit etwas zu vielen Unklarheiten und losen Enden erzählt.




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