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Kritik: Under the Tree (2019)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Die isländische Komödie von Regisseur Hafsteinn Gunnar Sigurđsson ist gespickt mit trockenem skandinavischem Humor, der inmitten scheinbar trostloser Situationen aufblüht. Zwischen Atli und seiner Frau Agnes entspinnt sich ein Rosenkrieg, der vor Gericht zu landen droht. Sein Vater Konráđ versucht zwar mit einigem Erfolg, zwischen Sohn und Schwiegertochter zu vermitteln, aber der Nachbarschaftsstreit am eigenen Gartenzaun droht ihm über den Kopf zu wachsen. In beiden Fällen eskalieren Kränkungen und wenn sich die Konfliktparteien dabei kindisch benehmen, hat das beträchtlichen Wiedererkennungswert.

Das Witzige an dieser Geschichte ist, dass Atli in seinem Trennungsdrama auch noch miterleben muss, wie die Eltern wegen einer Nichtigkeit ihren häuslichen Frieden aufs Spiel setzen. Mutter Inga hat sich völlig verrannt in ihrem Hass auf die Nachbarin, die ein Kind bekommen will. Inga hat das Verschwinden von Atlis Bruder, der sich vermutlich das Leben nahm, nie verwunden. Ihr Schmerz ist spürbar, sichtbar, besonders auch in der makabren Szene, in der sie auf ihren toten Sohn und seinen Geburtstag anstößt und tränenreich ihr Leid kundtut als tapfere Heldin. In dieser Selbstinszenierung manifestiert sich bei allem Ernst der Lage auch die lächerliche Übertreibung, die Zuspitzung ins Absurde. Man kann mit den geplagten Charakteren mitfühlen, auch in den scheinbar weniger wichtigen Situationen, zum Beispiel wenn die Eltern die Aufnahmen der Überwachungskamera betrachten. Es fällt schwer, mit Nachbarn zu leben, die man verdächtigt, einem heimlich Schaden zugefügt, womöglich auch das Leben des Haustiers auf dem Gewissen zu haben. Und es fällt erst recht schwer, in einem Trennungsprozess kühlen Kopf zu bewahren und das Sorgerecht nicht für Racheaktionen gegen den Partner zu missbrauchen.

Die Charaktere reizen zum Lachen, je mehr sie sich in ihrer Rechthaberei suhlen und nicht merken, dass sie dafür einen hohen Preis zahlen. Irgendwie sind ja auch alle im Recht. Atli zum Beispiel will nicht als Gewalttäter abgestempelt werden, nur weil er im Kindergarten ein Handy kaputtgemacht hat. Und er will auch nicht auf dem Amt hören, dass sein Antrag auf Umgangsrecht nicht bearbeitet wird, weil jetzt Sommerferien sind. Der Humor färbt sich gelegentlich schwarz und die Lage bleibt ernst, sogar sehr ernst. Diese Komödie hat Tiefgang.

Fazit: Der isländische Regisseur Hafsteinn Gunnar Sigurđsson legt eine köstlich schwarzhumorige Komödie mit Tiefgang vor. Der Streit eines Ehepaars mit den Nachbarn am Gartenzaun eskaliert nach allen Regeln der Kunst, gleichzeitig kämpft der Sohn nach der Trennung von seiner Frau verbissen um das Recht, seine Tochter zu sehen. Lustigerweise erweist sich die unwichtigere der beiden Fronten nicht als die einfachere. Mit ihrer Realitätsnähe, dem Gespür für absurde Verwicklungen und Charakteren mit durchaus ernstzunehmenden Problemen versteht diese treffsichere Komödie zu überzeugen.




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