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Kritik: Der Stein zum Leben (2019)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Trauer ist ein Prozess, der bei jedem Menschen unterschiedlich lange dauert. Katinka Zeuner hat vor sechs Jahren ihre Mutter verloren, gemeinsam mit Michael Spengler ein "denkwerk" für deren Grab gestaltet und danach beschlossen, einen Dokumentarfilm über den Steinmetz zu drehen. Ihr Film begleitet nicht nur drei Familien durch den Trauer-Prozess, sondern kann auch als Zeuners filmischer Abschied vom Thema verstanden werden.

Der Filmtitel gibt die Richtung vor. Auch wenn Zeuner sich nicht ins Geschehen mischt, nicht kommentiert oder nachfragt, dem Publikum keine Meinung aufzwingt, sondern lediglich still beobachtet, sind sich die Familien, auch ohne einander zu begegnen, einig. So unterschiedlich deren Umgang mit der Trauer auch sein mag, so verschieden die Verstorbenen auch gewesen sein mögen, letztlich betonen alle Angehörigen mit dem gemeinsam mit Michael Spengler erarbeiteten Grabstein nicht den Tod, sondern das Leben.

Über den Steinmetz erfahren die Zuschauer*innen derweil nicht viel. Wie Spengler wurde, was er ist, was ihn antreibt und ob er sich beispielsweise schon Gedanken über sein eigenes "denkwerk" macht, bleibt offen. Seine Überlegungen formuliert er nur in den ruhig geführten Gesprächen mit den Angehörigen aus. Darin ist er mehr als ein Steinmetz; Spengler ist auch Trauer-Arbeiter, Moderator, Mediator. Ansonsten sieht ihm der Dokumentarfilm bei der Arbeit zu, die er selbst im Verbund mit anderen zumeist ohne viele Worte verrichtet.

Gerade diesse stumme Arbeiten, wenn Spengler dem unbehauenen Stein, mal mit schwerem Gerät, mal mit feinem Werkzeug, eine neue Form gibt, ist ungemein kontemplativ. Wie die Trauer brauchen auch Spenglers Grabsteine Zeit. Während der Erstellung sieht das Publikum Anne Neustadt bei der Schwangerschaft zu. Als der Stein für den zweijährigen Josef aufgestellt wird, ist dessen neue kleine Schwester bereits auf der Welt. Die kurzen 78 Minuten, die der Dokumentarfilm dauert, bieten viel Zeit zum Nachdenken.

Fazit: Trotz seines faszinierenden Protagonisten ist "Der Stein zum Leben" weniger ein dokumentarisches Porträt als vielmehr ein Dokumentarfilm über einen gedanklichen, emotionalen und künstlerischen Entstehungsprozess, über eine Gemeinschaftsarbeit und über gemeinsame Trauer-Arbeit. Still beobachtend bietet Katinka Zeuners Film viel Zeit und Anlass zum Nachdenken.




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