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Kritik: get me some HAIR! (2019)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

"Sie behandelt ihre Haare wie einen feindlichen Urwald", konstatiert die Voice-Over-Stimme des Regisseurs Lars Barthel. Der Mann versteht seine jamaikanische Frau Antoinette in diesem Punkt einfach nicht. Aber er will dem Rätsel, warum sie lieber falsche Haare trägt, auf den Grund gehen. Das Ergebnis ist ein sehr persönlicher, humorvoller Dokumentarfilm, in dem es um das Mysterium Frau, um Mode und Geisterglauben in Jamaika und auch in Burma, wo Barthel unterrichtet, geht.
Antoinette hat gar keine Lust, die ständigen Fragen von "Larsi" zu beantworten. Sie geht unbeirrt ihrer Gewohnheit nach, sich jeden Monat neue Haare machen zu lassen. In Jamaika fängt Barthel Szenen bei den Straßenfriseurinnen ein, die ihren Kundinnen Plastikhaare ankleben – wenn sie nicht gerade lautstark streiten. Auch im Haus, das sich Antoinette mit ihren Schwestern teilt, werden immer gerade einer Frau die Haare gemacht, wie Barthel konstatiert. Antoinette besitzt viele Haarverlängerungen, die an einem Ende zusammengenäht sind und die sie sorgfältig wäscht, pflegt und aufbewahrt.

Barthel sinniert darüber, ob die Geschichte von Antoinettes Vorfahren, die als Sklaven nach Jamaika kamen, etwas mit ihren Haar-Vorlieben zu tun haben könnte. In Burma findet sich eine andere Verbindung zwischen Frauenhaar und sozialem Status: Schöne lange Haare sind ein kostbares Gut und junge Mädchen und Frauen aus armen Familien sehen sich nicht selten genötigt, sie sich für den Verkauf abzuschneiden.
Die im Verlauf vieler Jahre gedrehten Aufnahmen wechseln zwischen Jamaika, Berlin und Burma und sorgen für kurzweilige atmosphärische Vielfalt. Der unterhaltsame Film stellt ein interessantes Gleichgewicht her zwischen der Leichtigkeit im Ton und der tiefschürfenden Neugier des Regisseurs, der auch Protagonist ist.

Barthel widmet seinen Film Aunty Mary, die kurz nach den Dreharbeiten starb. Er porträtiert die alte Geschäftsfrau liebevoll in ihrem heimischen Umfeld in Burma und befragt sie auch nach ihrem Geisterglauben. Leben in den abgeschnittenen Haaren am Ende gar die Geister der Verstorbenen weiter?, fragt sich der Filmemacher. Antoinette und Aunty Mary bleiben ihm als starke Frauen aus anderen Kulturkreisen ein Stück weit ein Mysterium, dem er humorvoll seine Reverenz erweist.

Fazit: Der Dokumentarfilmer Lars Barthel vertieft sich auf humorvolle Weise in ein Thema, das ihm seit vielen Jahren Rätsel aufgibt: Warum kommt seine jamaikanische Frau denn nie ohne aufwändig eingearbeitete Haarverlängerungen aus? Hat das womöglich etwas mit der Geschichte ihrer afrikanischen Vorfahren zu tun? Wenn er beruflich nach Burma reist, kauft er ihr lange Echthaare, die junge Frauen aus materieller Not anbieten. Diese interkulturelle Entdeckungstour mit den Schauplätzen Jamaika, Berlin und Burma verbindet auf unterhaltsame Weise Leichtigkeit mit tiefschürfender Neugier.




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