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Kritik: Kim hat einen Penis (2019)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Der Name Philipp Eichholtz steht für starke Porträts eigenwilliger Frauen. Gemeinsam mit dem 1982 geborenen Regisseur und Drehbuchautor werden auch seine Figuren älter, deren Alltagsprobleme erwachsener. War die laute, taktlose Sarah in "Liebe mich!" (2014) noch Anfang zwanzig und holte in "Luca tanzt leise" (2016) eine Mittzwanzigerin ihr Abitur nach, stand Lehrerin Charlie in "Rückenwind von vorn" (2018) bereits am Scheideweg zwischen Kind und Kegel oder Neubeginn. In "Kim hat einen Penis" setzt Eichholtz nun noch einen drauf. In seinem jüngsten Film ist nicht nur jeder schwanger, will schwanger werden oder denkt in irgendeiner Weise übers Kinderkriegen nach, seine Hauptfigur stellt durch ihr genitales Mitbringsel Rollenbilder und Geschlechtergrenzen infrage und die Genderthematik auf den Kopf.

Der absurde, wunderbar gelungene Clou: In der nur minimal von der unseren abweichenden Welt dieses Films sind Geschlechtsumwandlungen nicht nur im Handumdrehen möglich, sondern für einen begrenzten Zeitraum ebenso leicht wieder rückgängig zu machen. Die Komik, die aus Kims Konfrontationen mit ihrer Umwelt erwächst, ist köstlich. Martina Schöne-Radunski, die schon in "Luca tanzt leise" unter Eichholtz' Regie die Hauptrolle spielte, ist erneut eine Wucht. Gemeinsam mit Christian Ehrich, der den schüchtern-verwirrten Schluffi perfekt verkörpert, gibt sie ein glaubwürdiges Paar ab, mit dem sich viele Großstädter spielend identifizieren können.

Aus der tollen Grundidee macht das Drehbuch allerdings viel zu wenig. Was als subversiv-verschmitzter Seitenhieb auf alte, längst überholte, aber noch immer beliebte Rollenbilder und selbstverliebte Genderdebatten beginnt, verliert sich allzu schnell in banalem Alltagstrott. Die Geschlechtsumwandlung dient lediglich als ausgefallene Folie, vor der Eichholtz eine ziemlich alltäglich Beziehungskiste ausbreitet. In der geht es um die ewig aktuellen Fragen: Kind oder Karriere? Kind und Karriere? Stadt oder Land? Wer verdient mehr? Wer geht arbeiten, wer bleibt zu Hause? Im Grunde also darum, wer die Hosen anhat und ob die Beziehung darunter leidet.

Die amüsanten Episoden dieses Films, der irgendwo zwischen ironischem Drama und Tragikomödie pendelt, wissen durchaus zu überzeugen. Sie sind flott inszeniert, mit stimmungsvollen Indie-Songs unterlegt und prima gespielt, aber auch schnell wieder vergessen. Um nachhaltig im Gedächtnis zu bleiben, hätte die originelle Ausgangslage dringlicher und konsequenter zu Ende gedacht und die Handlung dichter und konsistenter zu Ende erzählt werden müssen.

Fazit: Philipp Eichholtz legt abermals ein starkes Porträt einer eigenwilligen Frau vor. Seine absurd komische Beziehungskiste macht aus ihrer tollen Ausgangsidee allerdings zu wenig. Außer dem einprägsamen Titel ist dieser kurzweilige Film schnell wieder vergessen.




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