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Kritik: Mamacita (2019)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Mamacita, die sorgfältig frisierte und mit Schmuck behängte alte Dame, wirkt zunächst nicht gerade sympathisch. Sie redet in den höchsten Tönen von sich und findet gar, jede Frau sollte wie sie selbst sein. Niemand darf ihr widersprechen, der Enkel nicht und schon gar nicht die Dienstboten, von denen es einige trotz ihrer rüden Worte schon seit Jahrzehnten bei ihr aushalten. Wenn der Enkel und Regisseur José Pablo Estrada Torrescano in seinem filmischen Debüt die Allüren dieser Diva in ihrem häuslichen Reich beobachtet, mutet der Dokumentarfilm wie eine Satire an. Aber es mischen sich zunehmend liebevolle Töne ins Geschehen. Der Enkel und seine Großmutter entdecken, dass sie einiges verbindet und dass sie sich emotionale Nähe schenken können.

Mamacita hat ein geradezu grotesk übersteigertes Ego. Ohne ihre Dienstboten kann die launisch und fahrig, der Realität schon ziemlich entrückt wirkende Dame keinen Schritt mehr gehen, aber sie lässt es sich nicht nehmen, eigenhändig im Topf zu rühren, in dem das Weihnachtsessen schmort. Und sie schimpft, was das Zeug hält, über das "Pack" in ihrem Haus. Der Enkel spricht sie vorsichtig darauf an und sie antwortet, dass sie Lust habe, ihn zu ohrfeigen. Sie ist immer noch die alles beherrschende Figur in seiner Familie und ihr Großvater, der General war, ihr großes Vorbild geblieben. Sie erinnert sich, wie sie ihn gefürchtet hat. Er ließ sie spüren, dass er sie in Verbindung brachte mit der Verfehlung ihrer Eltern, die sie nicht um sich hatte.

Der Regisseur spricht mit Mamacita, erträgt ihre Launen, unterhält sich mit einigen seiner Tanten, konfrontiert die alte Matriarchin mit Fotos und Videos von früher. Die scheinbar so harte Frau ergreift nun öfter seine Hand, sucht tröstliche Nähe. Er gewährt sie ihr mit einer Zuneigung, die er früher nicht verspürte. Die Klaviermusik wird sanfter, weicher. Während ihrer Voice-Over-Erzählungen nimmt die Kamera oft die Porzellanfiguren, das edle Mobiliar in ihrer Villa ins Visier. Mamacita hat zeitlebens an ihrem eigenen Denkmal gebaut, nur für ihr inneres Drama, die tief verborgene Not, fand sie keinen Ausdruck. Der Enkel aber ist gekommen, um das zu ändern, und er dringt auf bewegende Weise zu ihr durch.

Fazit: Der aus Mexiko stammende Regisseur José Pablo Estrada Torrescano gibt sein Debüt mit einem bewegenden Dokumentarfilm, in dem er sich mit seiner Großmutter und der Geschichte der eigenen Familie auseinandersetzt. Die alte Dame hat sich in Mexiko ein Wirtschaftsimperium aufgebaut und kommandiert mit ihren 95 Jahren die Dienstboten ihrer Villa gnadenlos herum. Der Enkel findet nur langsam einen emotionalen Zugang zu dieser Frau, die sich am zwiespältigen Vorbild ihres Großvaters, eines Generals, orientiert. Aber in das dramatische Porträt dieser lebenslang nach Erfolg strebenden Frau mischen sich zunehmend Töne, die von verdrängtem Leid, von Einsamkeit künden und der von Enkel und Großmutter geteilten Sehnsucht nach Zuneigung.




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