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Kritik: Ink of Yam (2017)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

"Warum Israel" (1973) hat der 2018 verstorbene Claude Lanzmann 25 Jahre nach der Staatsgründung nicht nur in seinem Dokumentarfilm, sondern schon in dessen Titel gefragt (ohne ihn freilich mit einem Fragezeichen zu versehen). Eine Frage, die auch kommende Generationen an Filmemachern beschäftigt. Tom Fröhlichs Abschlussfilm an der Hochschule Darmstadt hätte auch "Warum Jerusalem" heißen können.

Fröhlich hat sich dafür einen außergewöhnlichen Ort ausgesucht. Um herauszufinden, was die Menschen in Jerusalem umtreibt, hat er ein Tattoo-Studio besucht. Zum beständigen Surren der Nadeln kommt er mit den Besitzern und ihren Kunden ins Gespräch. In den engen Räumen des überschaubaren Ladens ist kaum Platz. Die von Christoph Bockisch geführte Kamera rückt nah an den Tätowierer und die Tätowierten heran, die sich in dieser intimen filmischen Versuchsanordnung wie selbstverständlich öffnen. Das Tattoo-Studio wird zur Couch des Psychologen.

Nadeln wie Gespräche gehen unter die Haut. Fröhlich hat sein Debüt streng strukturiert. Jede Tätowier-Sitzung erhält ein eigenes Kapitel. Dazwischen streut er von Adrian Portias Steel Pan untermalte Stadtansichten und Aufnahmen, die Poko und Daniel in ihrem Privatleben zeigen. Schnell kristallisiert sich in den Unterhaltungen ein erzählerischer roter Faden heraus. Egal ob Jude, Moslem, Christ, Buddhist oder Atheist, egal ob tief gläubig, nur ein wenig oder nicht (mehr) – alle Interviewten verbindet eine schwierige Liebe zu dieser Stadt, die sie mehr als einmal in ihrem Leben verlassen wollten und doch nicht missen wollen. Auffällig ist die Sprache, die sich wiederholt beim medizinischen Fachjargon bedient. Eine Stadt, die einen "infiziere".

Fröhlichs Film bildet selbstredend nur einen kleinen Teil Jerusalems ab. Ultraorthodoxe, die sich an das Tätowier-Verbot ihrer heiligen Schriften halten, kommen ebenso wenig vor wie Frauen. (Eine ehemalige amerikanische Soldatin fiel dem Schnitt zum Opfer, da Fröhlich nur Menschen zu Wort kommen lassen wollte, die auch in Israel leben.) Die Gezeigten gehören allesamt einer jüngeren Generation an, die – egal wo sie politisch stehen – Hoffnung auf eine bessere Zukunft machen, vorausgesetzt, sie bleiben. Denn auch das führt Fröhlichs Film neben vielen spannenden Exkursen über Gott und die Welt (darunter ein kurzer über Tätowierungen als Schöpfungsakt) schmerzhaft vor Augen: Wenn sich etwas ändern soll, dürfen nicht alle Reformwilligen dieser Stadt und ihrem Land den Rücken kehren.

Fazit: In Tom Fröhlichs Abschlussfilm geraten Tätowier-Sitzungen zu Therapiestunden. Der Regisseur blickt (einem Teil) der Jerusalemer Bevölkerung tief in die Seele. Ein Dokumentarfilm, der im wahrsten Sinn unter die Haut geht.




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