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Scheich Jackson
Scheich Jackson
© Der Filmverleih GmbH

Kritik: Scheich Jackson (2017)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Khaled (Ahmad El-Fishawi) nimmt seinen Glauben ernst, sehr, sehr ernst. Neuerdings schläft er unter dem Bett, um sich seiner eigenen Endlichkeit bewusst zu werden. Zumindest redet er sich das ein. In Wahrheit versucht der Imam dort auf dem nackten Fußboden, seinen Träumen zu entfliehen. Er träumt von seinem Jugendidol: Michael Jackson. Für einen Gottesmann wie ihn, der im Tonstudio CDs voll religiöser Erbauungstexte aufnimmt und zu Hause dem Internet den Stecker zieht, wenn seine Tochter sich zu viele Musikvideos von Beyoncé ansieht, können die nächtlichen Begegnungen mit der eigenen Vergangenheit nur Albträume sein.

Tabuthemen schrecken Amr Salama nicht. In "Asmaa" (2011) erzählt der 1982 in Saudi Arabien geborene Ägypter von einer Frau, die gegen ihre AIDS-Erkrankung ankämpft, in "Excuse My French" (2014) von einem Christen, der sich in seiner neuen Schule als Moslem ausgibt, um akzeptiert zu werden. In "Scheich Jackson" knöpft sich Salama nun abermals den Glauben vor – nie gehässig, stets mitfühlend, mit trockenem Humor und leiser Ironie. Wie einst die Musik ist auch der Glaube für Khaled eine Flucht.

Die Hauptfigur ist eine geschundene Seele – ohne Mutter und mit einem verständnislosen Vater aufgewachsen –, die aus den falschen Gründen zum Glauben gefunden hat und die eben deshalb in die Glaubenskrise schlittert. Dass dieser Gottesmann an all die strengen Regeln, die er predigt, im Grunde nicht glaubt, sieht das Kinopublikum schon im tieftraurigen Blick des in all seiner Zurückhaltung grandios aufspielenden Ahmad El-Fishawi. Khaleds inneres Brodeln ist förmlich greifbar, ebenso seine Melancholie, sein Sehnen nach den Freuden seiner Jugend, die ihm seine Religion untersagt.

Salama erzählt seine Geschichte auf mehreren, virtuos miteinander verknüpften Zeit- und Wahrnehmungsebenen, die sich ganz allmählich entflechten und in der Fimmitte kreuzen. Im gegenwärtigen Erzählstrang ist "Scheich Jackson" eine Tragikomödie über den Glauben – einen Glauben, der aus der Spur Geratenen wie Khaled durch sein enges Korsett Halt gibt, ihnen letztlich aber die Luft zum Atmen raubt. Blickt die Handlung in die Vergangenheit, wird sie zu einer bittersüßen Coming-of-Age-Geschichte zwischen Freiheit, Religion und Machokultur, zwischen Selbsthass und Liebe zur Musik.

Das Drehbuch, das Salama gemeinsam mit Omar Khaled geschrieben hat, findet dafür wunderbare Einfälle: etwa die digitale Uhr mit einem roten und grünen Knopf, mit der der Imam seine guten und schlechten Taten zählt oder die Zwiebeln, zu denen Khaled jeden Morgen greift, um seiner Gemeinde Tränen vorzutäuschen. Kameramann Ahmad Beshary kleidet diese mal jugendlich-hormonelle, später erwachsen-religiöse Irrfahrt in wunderschöne Bilder und einfallsreiche Einstellungen. Dem King of Pop hätten sie gefallen.

Fazit: "Scheich Jackson" ist eine erzählerisch wie visuell virtuose Gratwanderung zwischen tragikomischem Glaubensdrama und bittersüßer Coming-of-Age-Geschichte. Regisseur und Co-Autor Amr Salama verflicht mehrere Erzählebenen zu einer von leiser Ironie getragenen Irrfahrt zwischen religiöser Enge und persönlicher Freiheit.




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