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Das melancholische Mädchen
Das melancholische Mädchen
© Salzgeber & Co. Medien GmbH

Kritik: Das melancholische Mädchen (2019)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Susanne Heinrich will mit den Sehgewohnheiten brechen. Das macht die Regisseurin und Drehbuchautorin gleich in der ersten Einstellung klar. Das Bildformat ist schmaler als üblich. Das namenlose melancholische Mädchen (Marie Rathscheck) steht vor einer Südsee-Fototapete und adressiert das Publikum. Mit Audrey Hepburns Frisur aus "Frühstück bei Tiffany" (1961) auf dem Kopf, einer Zigarette in der Hand und nichts als einem Pelzmantel bekleidet, spricht die Hauptfigur über melancholische Mädchen. Ein verspielter, selbstreferenzieller Auftakt, an dessen Ende die Protagonistin die komplette Handlung vorwegnimmt. Das Publikum könne von melancholischen Mädchen wie ihr nichts lernen – "außer über die Zeit und den Ort, die sich in ihnen spiegeln. Denn das ist alles, was sie tun: Sie verbringen Zeit an verschiedenen Orten und dann, irgendwann ist der Film vorbei. Einfach so."

Die Frisuren und Männer wechseln, die melancholische junge Frau bleibt die Konstante. Sie dient Heinrich als erzählerischer roter Faden, mit der sie 15 kurze Episoden lose miteinander verknüpft. Die Zeit und der Ort, die sich in der Protagonistin spiegeln, sind die Großstädte der Gegenwart. Bei Heinrich sind es vom Kapitalismus geprägte Nicht-Orte, streng symmetrisch, spärlich möbliert, pastellfarben und künstlich. Alles darin ordnet sich der Marktlogik unter, alles wird zu einer Ware – egal ob Kunst, Körper, Karriere oder Kinder. Eine erschreckend eintönige Welt ist das, in der Menschen sich und ihre Beziehungen selbst optimieren, in der die Sexualisierung zu-, aber der Sex abnimmt, und in der Männer fetischistisch auf Frauen blicken. Heinrich dreht den Spieß einfach um und inszeniert nackte Männerkörper, wie man im Film eigentlich nur Frauen zu sehen bekommt.

"Das melancholische Mädchen" ist Heinrichs Langfilmdebüt. Davor hat die 1985 geborene Filmemacherin Erzählungen und Romane geschrieben. Dass Heinrich vom Schreiben kommt, merkt man ihrem Erstling an. Ihre ironisch gebrochene Abrechnung mit Großstadtneurosen, mit dem Sex, der Liebe und dem Feminismus in Zeiten des Neoliberalismus ist kopf- und wortlastig. Die vom Ensemble ausdruckslos vorgetragenen Sätze sind druckreif. Darunter sind tolle, scharf formulierte Gedanken. "Mein Körper ist ein Kriegsgebiet, auf dem alle Welt ihre Kämpfe austrägt. Er gehört allen anderen mehr als mir, also kann ich ihn auch gleich zur Benutzung freigeben", sinnt die Hauptfigur über Schönheitsideale und sexuelle Selbstbestimmung nach. "In der Diktatur der Selbstverwirklichung sind alle Künstler", sagt sie an einer anderen Stelle und noch etwas später: "Die einzige Freiheit, die ich wirklich habe, ist dir einen Orgasmus vorzuspielen."

"Das melancholische Mädchen" ist voll solcher Sentenzen. Seine auf die Spitze getriebene Künstlichkeit – vom mechanischen Schauspiel über die statischen Einstellungen bis zur ungewohnten Big-Band-Musik – will das Publikum aus seiner Komfortzone locken. In seinen besten Momenten regt dieses Debüt zum Nachdenken an, ab und an reizt es gar zum Lachen – obwohl oder gerade weil die Protagonistin durch ihren zur Schau gestellten Ernst ("Ich mache niemals Witze") ungemein ironisch ist. So frisch sich der Film auch gibt, bietet er letztlich nur eine vertraute, irgendwo so oder so ähnlich schon einmal gelesene Zeitdiagnose. Ein filmisches Thesenpapier irgendwo zwischen brechtschem Verfremdungseffekt und Godards Diskurskino. Unterhaltsam, geistig stimulierend, durch sein strenges formales Korsett aber auch ausgesprochen sperrig und behäbig.

Fazit: "Das melancholische Mädchen" ist ein formal verspieltes und inhaltlich kluges Debüt, dabei mehr filmisches Thesenpapier als erzählender Spielfilm. Die ausgestellte Künstlichkeit soll zum Nachdenken anregen. Durch das strenge formale Korsett geht dem Film jedoch die Leichtigkeit ab.




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