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Kritik: Enkel für Anfänger (2020)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Nicht erst, seit der Begriff Diversität in aller Munde ist, sind Komödien, die ihn zu ihrem Rezept machen, beim Publikum sehr beliebt. Man denke nur an "Willkommen bei den Hartmanns" oder auch "Wir sind die Neuen". Diversität oder Vielfalt entsteht, wenn sich Personen mit unterschiedlichen Erfahrungen austauschen und ist also bereichernd. Die Eltern in "Enkel für Anfänger" wünschen sich für ihre Kinder den Kontakt mit Vertretern der älteren Generation und die drei Leih-Großeltern, die sich der Kleinen annehmen, wollen den Ruhestand mit Leben füllen. Eine Win-Win-Situation, könnte man meinen, doch die Komödie von Regisseur Wolfgang Groos ("Die Vampirschwestern") und Drehbuchautor Robert Löhr schlägt einen etwas raueren Kurs ein. Sie führt mit treffsicherem, oft auch bissigem Humor vor, dass das Mehrgenerationen-Experiment einem Kulturclash gleichkommt.

Die Komik funktioniert oft und gekonnt nach dem Prinzip, dass beim Aufeinanderprallen unterschiedlicher Mentalitäten Funken sprühen. Als Kind achtsamer Eltern fragt die kleine Leonie den kinderlosen Rentner Harald, ob das Fleisch auf seinem Grill auch bio sei. Die Antwort ist zum Brüllen komisch, weil sie jegliches Problembewusstsein vermissen lässt. Auch die Leihomas Karin und Philippa, der Leihopa Gerhard mögen von gestern sein, aber gerade weil ihr Verständnis der Dinge nicht heutigen Mustern folgt, halten sie besorgten jungen Eltern und anderen Zeitphänomenen einen zur Kenntlichkeit entstellenden Spiegel vor. Nicht nur die hippieske Philippa, auch Karin und besonders Gerhard dürfen in Wort und sogar Tat über die Stränge schlagen, leisten sich eine Unkorrektheit, die in der oft braven deutschen Komödienlandschaft sehr erfrischend wirkt.

Heiner Lauterbach macht sich hervorragend als sperriger, etwas düster gestimmter Senior. Die Tipps, die er seinem Leihenkel Viktor für den Umgang mit mobbenden Klassenkameraden gibt, kaschieren seine eigene Fehlbarkeit nicht wirklich. Palina Rojinski legt einige herrliche Auftritte als junge Mutter, die über russische Herzlichkeit verfügt, hin. Der Humor entsteht in der Begegnung und so punktet die Komödie als starkes Ensemble prägnanter, gut gespielter Charaktere. Letztlich ist der Film nicht mehr, aber eben auch nicht weniger als eine spaßige Wohlfühlkomödie, die Zeitgeistiges mit hohem Wiedererkennungswert auf die Schippe nimmt.

Fazit: Regisseur Wolfgang Groos und Drehbuchautor Robert Löhr präsentieren eine lustige Wohlfühlkomödie mit Biss, die das Zusammentreffen dreier Generationen genüsslich als regelrechten Kulturclash schildert. Das starke Ensemble verfügt nicht nur mit den drei Leih-Großeltern in den Hauptrollen über prägnante Charaktere, auch die anderen Figuren überzeugen und sind gut gespielt. Der freche, satirische Dialogwitz beweist Mut zu unkorrekten Sprüchen und nimmt pädagogische und andere Erscheinungen des Zeitgeists gekonnt auf die Schippe.




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