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Kritik: Erde (2018)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

"Ich widme mich als Filmemacher Themen, wie sie sich anbieten, und wie ich sie gerade als relevant empfinde", beschreibt Nikolaus Geyrhalter seine Arbeitsweise. Oft begibt er sich dabei an Orte, die nur schwer zugänglich sind. Bislang hat das unter anderem zu Dokumentarfilmen über die Sperrzone um Tschernobyl ("Pripyat", 1999), über die industrielle Lebensmittelproduktion ("Unser täglich Brot", 2005), oder über Orte, die die sich die Natur zurückerobert ("Homo sapiens", 2016), geführt. Der Titel seines jüngsten Films ist mehrdeutig. Einerseits geht es darin auf einer übergeordneten Ebene um unseren Planeten, andererseits aber ganz konkret um dessen Oberflächenmaterial, das der Mensch tagtäglich verschiebt.

Der Mensch sei der "entscheidende geologische Faktor der Gegenwart", schickt der österreichische Regisseur seinem Film voraus. Während natürliche Kräfte wie Wasser und Winde täglich 60 Millionen Tonnen Erde bewegten, zeichne unsere Spezies für 156 Millionen Tonnen verantwortlich. Um die Ausmaße dieser unvorstellbaren Umwälzungen zu veranschaulichen, hat Geyrhalter sieben Abbaustätten besucht und mit den Arbeitern vor Ort gesprochen. Deren Aussagen sind manchmal resigniert, stets aber reflektiert. Die meisten geben sich pragmatisch. Sie bedauern die Umweltschäden, sehen aber auch den enormen Ressourcenbedarf einer ständig wachsenden Weltbevölkerung. Ausnahmslos allen macht ihre Arbeit Spaß.

Auffällig viele sprechen von der Erde wie von einem Organismus. Es ist vom "Fleisch des Berges", von zugefügten "Wunden" und davon die Rede, die Erdkruste zu "entjungfern". Dieser Organismus ernährt uns, wehrt sich aber auch gegen den an ihm verübten Raubbau. Dementsprechend häufig fällt das Wort "Kampf". Dank technischer Innovationen bleibt der Mensch in dieser Auseinandersetzung nicht nur Sieger, sondern bezwingt die Erde immer schneller. Ein italienischer Arbeiter gibt ein anschauliches Beispiel: Hätte es früher zwei Tage gedauert, einen Marmorblock aus dem Steinbruch in Carrara zu schneiden, ginge das heute in einer Stunde. In 300 Jahren sei der Steinbruch leer.

Geyrhalter vermittelt diesen Raubbau in sieben Kapiteln. Jedes davon beginnt mit einer Vogelperspektive, die die perfide Schönheit der Umweltzerstörung in den Kinosaal transportiert. Aus der sicheren Distanz erinnern die massiven Eingriffe in die Natur durch ihr Farbspiel, ihre Muster und Symmetrie an (abstrakte) Kunstwerke. Das Erschrecken setzt erst ein, wenn Geyrhalter dichter heranrückt. Dann sitzt er mit den Arbeitern in den Führerhäusern ihrer riesigen Maschinen oder er baut sie davor für Interviews auf. Nur das Wummern der Motoren ist zu hören. Eine Umwälzung von ungeheuerlichen Ausmaßen.

Geyrhalter fragt nur nach. Wie gewohnt kommentiert und urteilt er nicht, sondern überlässt das Urteil uns. Doch wer wollte die durchweg reflektierten Arbeiter verurteilen? Schließlich machen sie nur ihren Job, der mehr mit unserem eigenen Lebensstil zu tun hat, als vielen von uns lieb sein dürfte. Wer etwas daran ändern will, muss bei sich selbst anfangen.

Fazit: "Erde" ist ein formal wie visuell beeindruckender Dokumentarfilm, der zum Nachdenken anregt. Regisseur Nikolaus Geyrhalter konfrontiert sein Publikum wie immer kommentarlos mit den massiven, menschengemachten Umwälzungen in der Natur. Ein nüchterner, kluger und wichtiger Blick auf das Anthropozän.




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