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PUSH - Für das Grundrecht auf Wohnen
PUSH - Für das Grundrecht auf Wohnen
© mindjazz pictures

Kritik: PUSH - Für das Grundrecht auf Wohnen (2019)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Auf dem Stadtplan von London, den Fredrik Gertten in seinem Dokumentarfilm präsentiert, sieht es so aus, als habe die britische Hauptstadt Masern. Das Stück Papier ist mit roten Punkten übersät. Jeder davon steht für eine Immobilie, die sich im Eigentum einer ausländischen Firma befindet. Diese verschobenen Besitzverhältnisse sind in internationalen Metropolen längst zementiert. Die Stadt gehört nicht mehr ihren Bewohnern, sondern gesichtslosen Unternehmen. Und die sind häufig nur am Profit und nicht an ihren Mietern interessiert.

Diese Erkenntnis ist nicht neu, aber wichtig. Während thematisch verwandte Dokumentarfilme sich allzu gern an der Gentrifizierung abarbeiten, die Schuld also auf arme Künstler, schicke Cafés und hippe Boutiquen schieben, die ein Viertel zuerst aufwerten und dann höhere Mieten nach sich ziehen, lässt Gertten diesen Aspekt links liegen. Der sei nur ein kleiner Teil der Misere, sind sich seine Experten einig. Der weitaus größere sei eine ungebremste Immobilienspekulation, in der das Wohnen längst zur Ware geworden ist.

Um diese These zu untermauern folgt der Filmemacher Leilani Farha, einer UN-Sonderberichterstatterin, rund um den Globus. Den Wirtschaftswissenschaftler und Nobelpreisträger Joseph Stiglitz, Soziologin Saskia Sassen, und Schriftsteller Roberto Saviano stellt er ihr als Sekundanten in Interviews zur Seite. Deren Analysen sind ernüchternd, Farhas Bestandsaufnahme bei Mietern von Toronto bis Seoul und von Barcelona bis Berlin stellenweise erschreckend.

Welches Missverhältnis hier entstanden ist, zeigen anschauliche Beispiele. In London stehen ganze Häuserzüge leer, deren Wert im zweistelligen Millionenbereich liegt. Ob darin jemand wohnt, spielt für die Besitzer keine Rolle. Die Gebäude sind längst kein Wohnraum mehr, sondern nur mehr Wertanlage. Nicht weit davon entfernt brannte der Greenfell Tower aus, weil er unzureichend saniert wurde. Auf der einen Seite leer stehende Luxusobjekte, auf der anderen vernachlässigter sozialer Wohnungsbau. Wo früher ein Nebeneinander verschiedener Schichten möglich war, werden heute die Einkommensschwachen aus den Städten verdrängt.

Gerttens Analyse ist schlüssig, deren Präsentation schlampig. Wer hinter der weltweiten Preistreiberei steckt und wie diese funktioniert, vermittelt der Regisseur anschaulich. Durch eine hinauszögernde Dramaturgie eiert der Film aber viel zu lange herum. Viele der Experten kommen nicht recht auf den Punkt. Und Lösungsansätze bietet "PUSH" allenfalls zwischen den Zeilen. Zwar tun sich auf Farhas Initiative hin Bürgermeister internationaler Metropolen zusammen. Wie deren Mittel zur Bekämpfung der Mietpreisexplosion aussehen, bleibt indes vage. Viele Fragen bleiben offen, etwa die, ob und wie sich die Spekulation mit Wohnraum nicht verbieten oder zumindest regulieren ließe. Das ist schade. So verlässt man als Mieter das Kino zwar ein wenig klüger, aber angesichts der Lage auf dem Wohnungsmarkt ähnlich hilflos wie zuvor.

Fazit: Fredrik Gertten hat einen aufschlussreichen Dokumentarfilm über den Mietpreiswahnsinn gedreht. "PUSH" lässt das Thema Gentrifizierung beiseite und konzentriert sich stattdessen auf die Immobilienspekulation. Dabei bleibt der Film wiederholt zu vage und konkrete Lösungsansätze schuldig. Die Frage, warum die Politik dem Handel mit Wohnraum keinen Riegel vorschiebt, und ob und wie sie das überhaupt könnte, bleibt wie viele andere Fragen offen.




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