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Ein ganz gewöhnlicher Held
Ein ganz gewöhnlicher Held
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Kritik: Ein ganz gewöhnlicher Held (2019)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Emilio Estevez stammt aus einer künstlerisch hochveranlagten Familie. Vater Martin Sheen, 1940 als Ramón Gerardo Antonio Estévez geboren, steht bis heute vor der Kamera und hat seine Karriere von der großen Leinwand ("Badlands", "Apocalypse Now") erfolgreich auf den kleinen Schirm ("The West Wing", "Grace & Frankie") übertragen. Mutter Janet studierte Kunst, und auch Emilios jüngere Geschwister Ramon, Carlos, besser bekannt als Charlie Sheen, und Renée wurden allesamt Schauspieler. Mehrfach standen die Familienmitglieder gemeinsam vor der Kamera. In seinem mittlerweile siebten Kinofilm als Regisseur – den ersten drehte er 1986 – sind erstmals weder Martin noch Charlie Sheen zu sehen. Dafür hat Emilio Estevez die Hauptrolle und das Drehbuch übernommen.

Seinen Durchbruch als Schauspieler feierte Estevez in John Hughes' "The Breakfast Club" (1985), einem Jugendfilm, der beinahe ausnahmslos in einer Schulbibliothek spielt. Nach einer langen Pause als Regisseur kehrt er nun mit einem Drama zurück, das beinahe ausnahmslos in einer öffentlichen Bibliothek spielt. Der Drehort hat erneut etwas mit Estevez' Familiengeschichte zu tun. Im Jakobsweg-Drama "Dein Weg" (2010) erforschte er die Wurzeln seines spanischstämmigen Großvaters, dieses Mal geht er denen seiner Eltern nach. Beide stammen aus Ohio. Vater Martin ist in Dayton aufgewachsen, Mutter Janet in Cincinatti geboren, wo "Ein ganz gewöhnlicher Held" angesiedelt ist. Abseits seiner wiederentdeckten Heimatliebe geht es Emilio Estevez aber um etwas Universelleres: um öffentliche Bibliotheken als "letzte Bastion der Demokratie", wie es im Film heißt, und um Solidarität mit den sozial Schwächeren.

Inspiriert von einem Essay von Chip Ward, dem damaligen stellvertretenden Direktor der öffentlichen Bibliothek in Salt Lake City, hat Estevez ein vielschichtiges und vielstimmiges Gesellschaftsdrama gedreht. Der deutsche Filmtitel verengt seinen Fokus auf die Hauptfigur: In seinem solidarischen Kampf für die Rechte der Obdachlosen, von Stuart Goodson mit Bedacht geführt und von Emilio Estevez zurückhaltend gespielt, wird ein einfacher Bibliothekar zu einem "gewöhnlichen Helden". Der Originaltitel lautet "The Public" und zielt freilich auf das große Ganze: Er steht ebenso für die "public library", die öffentliche Bibliothek, wie für die gesellschaftliche Öffentlichkeit, deren mannigfaltige Erschütterungen Estevez in seinem Drama gleich mitverhandelt.

Abseits seiner Haupthandlung schneidet das Drehbuch viele Themen an: Klimawandel und ökologische Nachhaltigkeit, Drogensucht und die Opioid-Krise, ein Rechtssystem zwischen absurder Überregulierung und gesundem Menschenverstand, das Verhältnis der Medien zur Wahrheit, Bildung als Aufstiegschance, das Wirtschaftssystem als gnadenlose Abwärtsspirale. Das mag einigen Filmkritikern zu viel des Guten und des gut Gemeinten sein, ist aber die eigentliche Stärke dieses Dramas – nicht zuletzt, weil Estevez all das nur beiläufig erzählt, zwischen den Zeilen aber immer die Zusammenhänge aufzeigt.

Wie schon sein Drama "Bobby" (2006), das das Attentat auf Robert F. Kennedy aus der Sicht von 22 Personen schilderte, erzählt Estevez auch seinen jüngstem Film anhand eines gesellschaftlichen Querschnitts. "Ein ganz gewöhnlicher Held" richtet den Blick auf diejenigen, über die das Establishment gern hinwegsieht, und bietet ein kleines, aber feines Lehrstück in zivilem Ungehorsam. Estevez' Drehbuch führt die Figuren behutsam ein und verbindet sie clever miteinander, sodass das Publikum nie den Überblick verliert. Keiner im erstklassig besetzten Ensemble enttäuscht. Es wäre ein Leichtes gewesen, das Geschehen im letzten Akt um des Showeffekts willen eskalieren zu lassen. Doch statt auf spektakuläre Konfrontation setzt Estevez' Handlung stets auf überzeugende Wendungen und eine ebenso amüsante wie originelle Schlusspointe.

"Ein ganz gewöhnlicher Held" erinnert uns an die Bedeutung eines uneingeschränkten Zugangs zu Bildung und an gesellschaftliche Solidarität. Obwohl die Schere zwischen Arm und Reich in den USA immer weiter auseinandergeht, obwohl die Gräben zwischen Links und Rechts unüberwindbar erscheinen, ist Estevez' Film nicht verbittert, sondern hoffnungsvoll, dabei aber keinesfalls naiv. Erkannten in "Breakfast Club" fünf vermeintlich völlig unterschiedliche Schüler ihre Gemeinsamkeiten, erkennen in "Ein ganz gewöhnlicher Held" Menschen unterschiedlichster Schichten und Herkünfte ihre gegenseitige Verantwortung. Im bitterkalten Winter von Cincinnati versprüht dieses Drama einen Funken mitmenschlicher Wärme.

Fazit: Nach einer längeren Pause kehrt Emilio Estevez als Regisseur zurück. Mit "Ein ganz gewöhnlicher Held" ist ihm erneut ein beeindruckendes Ensembledrama gelungen. Der klug geschriebene, erstklassig besetzte und überzeugend gespielte Film verhandelt einige drängende Fragen unserer Gegenwart. Ein Plädoyer für öffentliche Bildung und Solidarität und ein kleines Lehrstück in zivilem Ungehorsam.




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