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Face_It! - Das Gesicht im Zeitalter des Digitalismus
Face_It! - Das Gesicht im Zeitalter des Digitalismus
© missingFilms

Kritik: Face_It! - Das Gesicht im Zeitalter des Digitalismus (2019)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Schöne neue Welt! Überwachungskameras werden wohl bald, wie auf einem Berliner Bahnhof erprobt, Menschen per Datenabgleich identifizieren, sobald sie sich irgendwo blicken lassen. Computerprogramme werden einer Person sagen, was sie fühlt, was sie am vergangenen Freitag um 11 Uhr vormittags gefühlt hat, denn ein Gesichtsausdruck lügt ja nicht. Der Filmemacher und Videopionier Gerd Conradt befasst sich in diesem Dokumentarfilm kritisch mit dem Thema digitale Gesichtserkennung. Zu den Experten, mit denen er spricht, zählen mehrere Künstler. Die subjektive, kontemplative Haltung, die Conradt einnimmt und die unterschiedlichen Stimmen, die er wie bunte Assoziationen einfängt, sorgen für anspruchsvolle Filmkost, die vom Publikum aktiv erschlossen werden will.

Conradts Gesprächspartner befassen sich alle mit dem weiten Thema der digitalen Bildanalyse und Datenspeicherung. Unter ihnen gibt es Kritiker wie den Performancekünstler und Datenschutzaktivisten Padeluun, aber auch Stimmen, die meinen, es sei müßig, sich gegen den technischen Fortschritt zu stemmen. Der Künstler Julius von Bismarck beispielsweise meint, der Prozess der Informationsgewinnung lasse sich nicht aufhalten. Nicht immer erhält Conradt auf seine Fragen brauchbare Antworten, manchmal blickt er auch nur in ratlose Gesichter und schneidet dann weg. Die Literatur- und Kulturwissenschaftlerin Sigrid Weigel argumentiert, dass sich Gefühle auf sehr komplexe Weise zeigen. Die Körpersprache, die Bewegungen fielen weg, wenn nur noch eine eingefrorene Aufnahme eines Gesichts Aufschluss über Befindlichkeit geben soll. Es wäre interessant gewesen, noch weiter darüber zu spekulieren, ob sich die menschliche Wahrnehmung womöglich der oberflächlichen maschinellen Decodierung von Gefühlen anpassen wird.

Conradt richtet die Kamera nicht einfach nur auf seine Gesprächspartner. Er arbeitet viel mit Bild-im-Bild-Anordnungen, indem er die Gesprächspartner beispielsweise neben einen Computerbildschirm setzt, auf dem sie ein Gesicht, eine Performance betrachten und das Gesehene kommentieren sollen. So bildet sich die Komplexität des Themas auch für den Zuschauer ab, denn wenn es an die Kommentierung des Gezeigten geht, werden manche Befragte recht einsilbig. Die Ratlosigkeit einzufangen, gehört wohl auch ein wenig zum filmischen Konzept Conradts, der den intellektuell-künstlerischen Diskurs mit einer Portion Schalkhaftigkeit würzt.

Fazit: In seinem Dokumentarfilm diskutiert der Filmemacher und Videokünstler Gerd Conradt mit Experten aus Kunst, Wissenschaft und Politik über das kontroverse Thema der digitalen Gesichtserkennung. Angeschnitten werden die problematischen Seiten der Datenspeicherung, der öffentlichen Überwachung des persönlichen Alltags, der Computeranalyse von Gefühlsausdrücken. Dabei geht es weniger um konkrete inhaltliche Vertiefung, als um das lose Sammeln von Fragen, Einwänden und das Ausmalen möglicher Folgen. Der Film vereint anspruchsvolle und anregende mit weniger ergiebigen Passagen.




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