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Mein Leben mit Amanda
Mein Leben mit Amanda
© MFA Film © Die FILMAgentinnen

Kritik: Mein Leben mit Amanda (2018)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Schon "Dieses Sommergefühl" (2015) spürte der Trauer nach. In seinem jüngsten Drama verknüpft Mikhaël Hers deren Verarbeitung mit einem sehr gegenwärtigen Ereignis. In Frankreich heißt sein Film schlicht "Amanda", nach dem siebenjährigen Mädchen, um das sich die Geschichte dreht, und das seinen 17 Jahre älteren Onkel wieder aufrichtet. Dementsprechend ist dort nur die wunderbare, erfrischend natürlich spielende Debütantin Isaure Multrier auf dem Filmplakat zu sehen. Der deutsche Verleihtitel, gepaart mit einem Plakat, das Onkel und Nichte im Spurt durch Paris zeigt, verrät ein Quäntchen zu viel. Das Publikum kann sich bereits denken, dass "Mein Leben mit Amanda" nicht die leichte Sommerkomödie vom Beginn bleiben wird.

Amandas Onkel David (Vincent Lacoste) ist so unbeschwert wie der Pariser Sommer. Über das Leben macht er sich wenig Gedanken. Einen Karriereplan hat er nicht. Mit seinen Jobs als Wohnungsverwalter und Landschaftsgärtner kommt er über die Runden und ist zufrieden. Ein charmanter Luftikus, der nur so viel wie nötig arbeitet. Im Job gut organisiert, im Privatleben mitunter kopflos. Ganz anders als seine ältere Schwester Sandrine (Ophélia Kolb), die als alleinerziehende Mutter und Lehrerin nie stillsteht. Doch das ungleiche Geschwisterpaar hat auch Gemeinsamkeiten. Sie verbindet eine Lebenslust und eine kindliche Freude an den Dingen, etwa wenn sie mit ihren Fahrrädern durch Paris um die Wette strampeln oder Sandrine mit Amanda zu einem Song von Elvis Presley in der Wohnung tanzt.

Diese kleinen, scheinbar banalen zwischenmenschlichen Momente und die von Hers gemeinsam mit Co-Autorin Maud Ameline erdachten Figuren erzeugen eine ungeheure Glaubwürdigkeit. Sie sind lebensnah, tief, plastisch – und all das in nur wenigen Szenen. "Ich habe das Gefühl, dass ich durch Banalitäten der Wahrheit näher komme als durch Spektakel", sagt Hers über seinen Film und trifft damit ins Schwarze und beim Publikum mitten ins Herz.

"Mein Leben mit Amanda" ist denn auch ganz unspektakulär inszeniert, erinnert mitunter eher an eine Fernsehproduktion denn an Kino, blendet mehrmals ab und das Horrorszenario im Zentrum der Handlung aus. Wie David und Amanda im Speziellen und die Gesellschaft im Allgemeinen darauf reagieren, das zeigt der Regisseur indes ganz ungeniert. Während Amanda die Phasen der Trauer schneller und erfolgreicher durchläuft, schiebt David sie lange beiseite. Immer wieder bricht sie unkontrolliert aus ihm hervor, bis er sie schließlich annimmt.

Mikhaël Hers ist ein berührendes und (trotz der Schwere der Ereignisse) unterhaltsames Drama über einen jungen Mann geglückt, der – selbst ohne Mutter aufgewachsen – durch seine erzwungene Vaterrolle erst richtig erwachsen wird. Am Ende kehrt Normalität ein, beinahe so beschwingt wie zu Beginn.

Fazit: "Mein Leben mit Amanda" ist ein berührendes, aber nie rührseliges Drama über Trauer, Familie und das Weiterleben nach einem Schicksalsschlag. Regisseur und Drehbuchautor
Mikhaël Hers kann sich dabei auf seine lebensnah geschriebenen Figuren, seine Natürlichkeit simulierende Inszenierung und ein tolles Ensemble verlassen, bei dem die Chemie stimmt.




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