VG-Wort
Die Domain Spielfilm.de verwendet Cookies für funktionale und analytische Zwecke. Durch die Nutzung unserer Seite erklärst Du Dich damit einverstanden. Weitere Cookie-Informationen findest Du hier.

Ok, einverstanden!

oder
Das Wunder im Meer von Sargasso
Das Wunder im Meer von Sargasso
© Real Fiction

Kritik: Das Wunder im Meer von Sargasso (2019)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Das griechische Kino ist mehr als Costa-Gavras Politthriller ("Z", 1969), Theo Angelopoulos' metaphorisch-elegische Filmepen ("Landschaft im Nebel", 1988; "Die Ewigkeit und ein Tag", 1998) oder Michael Cacoyannis' das internationale Griechenlandbild prägende Romanverfilmung "Alexis Sorbas" (1964). Seit einem starken Jahrzehnt schwappt die von Journalisten gern als "greek weird wave" bezeichnete Welle schräger Filme um Yorgos Lanthimos ("Doogtooth", 2009; "Alpen", 2011) und Athina Rachel Tsangari ("Attenberg", 2010) um den Globus. Syllas Tzoumerkas' "Das Wunder im Meer von Sargasso" surft irgendwo dazwischen und erinnert in seiner Figurenzeichnung, der Gewalt, dem Unflat und den Unflätigkeiten stark an Yannis Economides' Berlinale-Beitrag "Stratos" (2014; Originaltitel: "To mikro psari").

Der klugen Eigenanalyse des Regisseurs folgend, könnte man "Das Wunder im Meer von Sargasso" als Abschluss einer Trilogie über den Zustand der griechischen Gesellschaft betrachten. War das Griechenland vor der Finanzkrise in "Homeland" (2010) die Hölle und das nach dem Zusammenbruch in "A Blast" (2014) das Fegefeuer, führt der Regisseur und Drehbuchautor seine Figuren dieses Mal heraus aus der Stadt und ins (Natur-)Paradies. Bei Tzoumerkas kommt dieses freilich ebenfalls einem Schwebezustand irgendwo zwischen Fegefeuer und Hölle gleich. Den Garten Eden gibt es bei ihm nur in Schlagersongs in der Disco.

Überhaupt lässt sich Tzoumerkas' jüngster Wurf am ehesten als Schwebezustand beschreiben. Die Landschaft ist wunderschön und zugleich hässlich. Die Musik von drei unterschiedlichen Komponisten pendelt zwischen Orchester, improvisiertem Ambient-Punk und griechischen Schnulzen. Der Film beginnt als knallharter Polizeithriller und schlägt unversehens in ein Sozial- und Familiendrama um, gespickt mit Krimi- und Mystery-Einsprengseln voller Träume und Visionen.

Tzoumerkas entführt sein Publikum in eine rohe, schmutzige, pervertierte Welt, in der kaum einer unschuldig bleibt. Hier treffen zwei ungleiche, jede auf ihre eigene Weise selbstzerstörerische Frauen aufeinander, die der Wunsch vereint, diesen Ort so schnell wie möglich hinter sich zu lassen. Während die männlichen Charaktere bis auf den von Christos Passalis vibrierend verkörperten Schlagerbarden Manolis durchweg unterkomplex bleiben, hat Tzoumerkas mit seiner Co-Autorin und Darstellerin Youla Boudali zwei vielschichtige Frauen ins Zentrum gerückt.

Angeliki Papoulia als desillusionierte Polizeichefin und Boudali als Manolis' ausgenutzte und missbrauchte Schwester spielen überragend. Zwei geschundene Seelen, die sich nicht mögen, aber stillschweigend solidarisieren. In dieser flirrenden Lagunenlandschaft verschwimmen irgendwann ihre Träume. Auch wenn es Tzoumerkas mit seinen Metaphern, den Bezügen zu Mesolongis Historie und zur Bibel ab und an übertreibt, erzeugt die Kombination aus all dem einen unentrinnbaren Sog. Eine beinahe delirierende, knallharte Abrechnung mit der griechischen Gesellschaft, mit Doppelmoral und einem überkommenen Patriarchat.

Fazit: Syllas Tzoumerkas liefert einen unkonventionellen, dreckigen und das Publikum fordernden Genremix ab, dessen geheimnisvoll flirrendem Sog man sich nur schwer entziehen kann. Eine knallharte Abrechnung mit Griechenlands Gesellschaft, aus der Sicht zweier vielschichtiger und widerstandsfähiger Frauen erzählt.




Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.