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Ein Licht zwischen den Wolken
Ein Licht zwischen den Wolken
© Neue Visionen

Kritik: Ein Licht zwischen den Wolken (2018)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 5 / 5

Das Problem mit dem Glauben sind die Gläubigen. Das wussten schon Xenophanes, Voltaire und Monty Python. Robert Budina sieht das genauso: "Ich glaube, dass die Religion nicht selbst die Quelle von Konflikten in der heutigen Welt ist, sondern das Ergebnis verschiedener Interessen, die die Religion benutzen, um Zwietracht zwischen Menschen mit unterschiedlichem Glauben zu erzeugen." In seinem zweiten abendfüllenden Spielfilm zeigt der Regisseur und Drehbuchautor, wie ein winziger Stein des Anstoßes eine ganze Gerölllawine nach sich zieht, die all das zuvor mühevoll Aufgebaute unter sich begräbt.

Budinas symbolisch und metaphorisch aufgeladenes Drama hat einen wahren Kern. Die bewegte Historie eines Kirchengebäudes im nordalbanischen Shkodra diente ihm als Inspirationsquelle und eine persönliche Frage als Auslöser, seine Variation dieser Geschichte zu erzählen. Obwohl Budina und dessen Frau Sabina Kodra, die den Film produzierte, keinen Glauben praktizieren, wollten ihre Söhne im Teenageralter wissen, welcher Religion sie angehören. Diese nur allzu menschliche Frage nach Herkunft und Zugehörigkeit impliziert stets eine Abgrenzung. "Ein Licht zwischen den Wolken" führt diese Zweischneidigkeit bildhaft vor Augen, wenn sich die im Film gezeigte Familie ganz allmählich nicht nur mit Worten, sondern auch räumlich, zwischen Acker, Esstisch und Bett entzweit.

Budina hat sein Drama vollkommen um seine schweigsame Hauptfigur gebaut. Gemeinsam mit Marius Pandurus behutsam agierender Kamera sieht das Publikum dem Hirten Besnik (Arben Bajraktaraj) bei der Arbeit zu. Wenn er vor der beeindruckenden Bergkulisse Nordalbaniens, auf seinem Mantel kniend, zwischen seinen Ziegen betet, ist Besnik ganz bei sich und nah bei Gott. Schon in diesen ersten Momenten setzt Budina einen poetischen Ton. Das Leben in dieser vermeintlichen Idylle erschließt sich durch unscheinbare Details, durch genaues Hinsehen und Zuhören und durch Budinas brillante, indirekte Inszenierung. In den ersten zehn Minuten spricht Besnik kein Wort; das erste sagt er zu einem seiner Tiere. Sein Name fällt nach einer Viertelstunde. Als Besniks Verwandtschaft ankommt, verharrt die Kamera im Zimmer und fängt die Begrüßung durch ein Fenster ein. Und während in der Moschee alle über das Loch in der Wand diskutieren, zeigt Budina nur Besniks Gesicht.

Der als Todesser aus zwei "Harry Potter"-Filmen bekannte Arben Bajraktaraj spielt diesen Hirten, der nur Gutes im Sinn hat und dadurch ungewollt Zwietracht sät, mit einer ungemeinen inneren Ruhe. Bajraktarajs schroffe Züge sind zugleich Abbild eines entbehrungsreichen Lebens und vergangener Wunden, die nicht heilen wollen. Sein Vater Fadil hatte Besnik eine Ehe mit seiner großen Liebe untersagt. Mit der Restauratorin Vilma (Estela Pysqyli) findet er Jahre später ein kurzes, nicht währendes Glück. Vilma liebt alte Dinge. Und dieser so besonnene und verletzliche Mann kommt ihr wie jemand aus einer anderen Zeit vor.

Regisseur Robert Budina ist ein universelles Lehrstück über den Glauben, vor allem aber über Gläubige gelungen. In traumhaft schönen Einstellungen erzählt er leise und vorurteilsfrei vom Konflikt zwischen Tradition und Moderne, zwischen Alt und Jung, Männern und Frauen, Kirche(n) und Staat und von interreligiösen Brandherden. Ein unaufgeregter Blick auf eine Gegend, in der die Zeit stillzustehen scheint, und auf einen Konflikt, dessen Lösung so einfach wäre.

Fazit: Robert Budinas zweiter abendfüllender Spielfilm ist eine kleine, magisch funkelnde Filmperle. Vor der atemberaubenden Bergkulisse Nordalbaniens erzählt der Regisseur und Drehbuchautor ein universelles, metaphorisch aufgeladenes und poetisch inszeniertes Lehrstück über den Glauben und Gläubige.




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