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Kritik: Electric Girl (2018)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Mit "Electric Girl" legt die 1973 in München geborene Comic-Zeichnerin, Autorin, Regisseurin und Musikerin Ziska Riemann nach der Coming-of-Age-Geschichte "Lollipop Monster" (2010) ihren zweiten Spielfilm vor. Das Drehbuch schrieb sie gemeinsam mit Angela Christlieb, Dagmar Gabler und Luci Van Org. Erzählt wird darin von der jungen Mia aus Hamburg, die zunächst zwischen ihrer kreativen Tätigkeit, ihrem Job als Barkeeperin sowie dem exzessiven Nachtleben umherdriftet, bis sie durch ihre Arbeit als Synchronsprecherin den Bezug zur Wirklichkeit zu verlieren droht: Die Anime-Heldin Kimiko, der Mia ihre Stimme leiht, muss die Menschheit vor Dämonen bewahren, die über Stromkabel in unsere Welt gelangen – und bald glaubt Mia, vor einer ähnlichen Mission zu stehen.

Riemann setzt eindrücklich um, wie die Grenzen zwischen Realität und Wahn allmählich unklar werden. Während die Protagonistin Mia zu Beginn mit ihrer chaotischen, leicht entrückten Art noch als recht typische Figur eines Films übers (späte) Erwachsenwerden erscheint, mutet sie irgendwann wie eine psychisch Kranke an, die sich durch ihre Halluzinationen in Gefahr bringt und völlig außer Kontrolle gerät. Das Werk lässt sich einerseits auf Mias Wahrnehmung ein – der Schauplatz Hamburg wird in satten Farben eingefangen, die Stromkabel haben etwas Dämonisches, Real- und Zeichentricksequenzen werden gekonnt miteinander verbunden. Andererseits integriert Riemann die teilweise ratlos-irritierten, teilweise entsetzten Reaktionen aus Mias Umfeld, um uns erkennen zu lassen, dass Mia zunehmend aus der Welt fällt.

Victoria Schulz ("Dora oder Die sexuellen Neurosen unserer Eltern") verkörpert diese irrlichternde Figur, die sich auch äußerlich ihrem animierten Vorbild mit blauen Haaren und grellgelbem Mantel annähert, mit beachtlicher Hingabe. Unterstützt wird sie dabei etwa von Hans-Jochen Wagner ("Lore"), der als vom Leben enttäuschter Nachbar von Mia nicht weniger wie ein Verlorener anmutet, von Mias Manie aber ebenfalls überfordert ist.

Fazit: Eine reizvoll gestaltete Auseinandersetzung über den Grenzgang zwischen Wahn und Wirklichkeit mit einer hingebungsvollen Hauptdarstellerin.




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