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Kritik: Alles über Evin (2019)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Die deutsch-österreichische Dokumentation ist das Regiedebüt von Zaree, die als Schauspielerin hierzulande vor allem durch ihre Rolle in der Gangster-Serie "4 Blocks" bekannt wurde. Weltpremiere erlebte der Film auf der diesjährigen Berlinale in der Sektion "Perspektive Deutsches Kino". Zaree wurde mit dem hessischen Filmpreis 2019 als beste Newcomerin ausgezeichnet.

"Born in Evin" ist keine gewöhnliche Dokumentation über die im Namen des Islam verübten Gräueltaten des Chomeini-Regimes. Zaree behandelt in ihrem ersten Film ein in der breiten Öffentlichkeit wenig geläufiges Thema – im Gegensatz zu den Ursachen und direkten, unübersehbaren Folgen des Schah-Sturzes Ende der 70er-Jahre und der daran anknüpfenden Islamischen Revolution, über die bereits zahlreiche Dokus und Filme vorliegen. Hinter den dicken Gefängnismauern geschahen die Verbrechen und Misshandlungen der politischen Gefangenen jedoch im Stillen und Verborgenen. Das 1971 entstandene Foltergefängnis Evin, in dem Zarees Mutter als verfolgte Regionalpolitikerin Anfang der 80er-Jahre einsaß, war dementsprechend erst selten Gegenstand filmischer Betrachtungen und dokumentarischer Arbeiten.

Allein dieser Umstand macht "Born in Evin" schon beachtenswert, hinzu kommt ein unkonventioneller, erfrischender inszenatorischer Ansatz, in dem Zaree immer wieder auf metaphorische Anspielungen (Stichwort: Fallschirm) und eine ausgeprägte Symbolhaftikgkeit (Stichwort: Kerze) setzt. Überraschend ist, wie wenig sie aus den Personen, von denen sie sich eine Antwort erhofft, herausbekommt. Die Mauer des Schweigens ist standhaft und schwer niederzureißen.

Die meisten Treffen verlaufen ergebnislos und Zaree macht kein Geheimnis daraus, dass sie die Sinnhaftigkeit ihres ersten Films allmählich in Frage stellt. Doch hier und da erhält sie –bruchstückhaft – wichtige Informationsfetzen, etwa von ihrem Vater oder einer Gruppe ehemaliger Evin-Häftlinge, die von kaum vorstellbaren Zuständen und unermesslichen Qualen der Insassen berichten. Von gebärenden Frauen etwa, denen es verboten war zu schreien. Oder von heillos überfüllten Zellen in einem Gefängnis, das ursprünglich für rund 350 Insassen ausgelegt war – in dem zu Zeiten der Revolution allerdings bis zu 15 000 politische Häftlinge gleichzeitig gefangen waren.

Fazit: Schonungslos offene, nachdrückliche Doku über ein in der breiten Öffentlichkeit wenig bekanntes und diskutiertes Thema, die vom erfrischenden Ansatz und der angstfreien Umsetzung der sympathischen Filmemacherin profitiert.




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