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Kritik: Bruder Schwester Herz (2019)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Ein Hauch von Western durchzieht dieses atmosphärisch dichte Drama über zwei seit Kindertagen eng verbundene Geschwister. Humorvoll und doch auch ernst erzählt Regisseur und Drehbuchautor Tom Sommerlatte ("Im Sommer wohnt er unten") in seinem zweiten Spielfilm über die Eifersucht, die die Beziehung von Franz und Lilly zu zerstören droht. Die Krise entsteht, als sich erst Lilly einen Freund, später auch Franz eine Partnerin zulegt. Zugleich geht es für beide um die Frage, ob der vom Vater geerbte landwirtschaftliche Betrieb noch eine Zukunft hat, ob man lieber weit wegziehen oder bleiben soll.

Wenn Franz und Lilly über die Wiesen reiten, bekommt eine wilde Freiheitslust, die Städter nur aus dem Kino kennen, Gestalt. Aber es liegt auch Melancholie in der Luft, denn die Gegend ist nicht mehr dazu bestimmt, alle ihre Bewohner zu ernähren. Franz‘ Lässigkeit passt nicht in eine Zeit des landwirtschaftlichen Überlebenskampfs. Er scheint jedoch auch dem Vater zuliebe ausharren zu wollen. Der Alte sitzt die meiste Zeit stumm vor dem Haus, auch er eine Art Westernfigur.

In der Dorfkneipe, wo sich die jungen Leute treffen, herrscht ein rauer Tonfall. Es braucht nicht viel, um Aggressionen zu entfachen, vor allem nicht bei Franz. Ihn provoziert die humorvolle Lässigkeit von Chris, diesem Fremden, mit dem sich Lilly abgibt, erst recht. Godehard Giese als Chris und Jenny Schily als Sophie, die sich Franz angelt, spielen sehr überzeugend und bereichern die ganze Filmhandlung. Karin Hanczewski verleiht Lilly eine lebendige Präsenz und beeindruckende Verbissenheit.

Manchmal glaubt man fast, Franz und Lilly umkreisten sich mit uneingestandener, inzestuöser Liebe. Sommerlatte aber lässt Franz und Lilly wehmütig ein Kindheitsfoto betrachten, das sie als Cowboys zeigt. Das war die gute alte Zeit, nach deren Fortsetzung sie sich sehnen, nach einem Familienleben etwa wie in der Serie "Bonanza".

Am ehesten kennzeichnet diesen Film der knappe Umgang mit Sprache. Vieles wird nur gestreift oder bleibt ungesagt. Die Zuschauer sollen sich offenbar fragen, was hier eigentlich los ist. Wird es zu einem Showdown kommen oder erledigt sich das eifersüchtige Umkreisen irgendwann von selbst? Das wissen Franz und Lilly die meiste Zeit selbst nicht. So unterhält die Geschichte auf eher leichte, neckische Weise, die aber auch etwas unbestimmt wirkt.

Fazit: In seinem zweiten Spielfilm erzählt Regisseur und Drehbuchautor Tom Sommerlatte über zwei Geschwister auf einer Rinderranch in der deutschen Provinz, die sehr aneinander hängen. Das weite Land, die Cowboyromantik und die Freiheit stehen vor einem Epochenwandel und Franz und Lilly müssen sich entscheiden, ob sie gehen oder bleiben. Mit neckischem Humor nimmt der Film die wilde Eifersucht von Bruder und Schwester ins Visier, wenn der jeweils andere eine Partnerschaft eingeht. Die Geschichte sucht die Nähe zum Westerngenre, während sie etwas unschlüssig um die tendenzielle Sprach- und Ratlosigkeit der Hauptfiguren kreist.




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