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Kritik: My Days of Mercy (2017)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Im Zweiparteiensystem der USA sind sich Republikaner und Demokraten bei vielem uneins – ob in der Wirtschafts-, in der Umwelt- oder in der Einwanderungspolitik. Bei kaum einem Komplex sind die Fronten so verhärtet wie bei den Themen Waffenbesitz, Abtreibung und Todesstrafe. Letztgenannte dient der israelischen Regisseurin Tali Shalom-Ezer als Hintergrund, vor dem sie in ihrem US-Debüt entlang des Schicksals einer Familie eine Geschichte über ein anderes politisch heiß diskutiertes Thema entfaltet. "My Days of Mercy" ist Familiendrama und Milieustudie, eine Prise Politfilm, Krimi und Coming of Age, vor allem aber ist es die Geschichte einer gleichgeschlechtlichen Liebe.

Der Film gehört ganz den Frauen, die wunderbare Darbietungen abliefern. Männer kommen nur als Randfiguren vor. Dass Ellen Page und Kate Mara gut befreundet sind, merkt man besonders den intimen, intensiv umgesetzten, aber nie voyeuristischen Liebesszenen an. Page brilliert in der Rolle der erst 22-jährigen Lucy, die anders als ihr von Mara gespieltes Gegenüber Mercy in doppelter Hinsicht von der Todesstrafe betroffen ist. Ihre Mutter hat sie bereits durch einen Mord verloren. Ihren Vater will sie nicht auch noch verlieren, selbst wenn er tatsächlich der Mörder sein sollte. Oder brächte dessen Hinrichtung endlich familiären Frieden? Wie dieser Gewissenskonflikt an Lucy nagt, sie langsam auffrisst, das spielt Ellen Page unglaublich gut. Aber auch Amy Seimetz zeigt als Lucys ältere Schwester Martha ein berührendes Porträt einer jungen Frau, die zwischen der Last der familiären Verantwortung und den eigenen Wünschen nach ein wenig persönlichem Glück gefangen ist.

Page und Mara haben das Drama gemeinsam produziert, weil sie endlich einmal Seite an Seite spielen wollten. Witzigerweise hatte Drehbuchautor Joe Barton das schon einige Jahre alte und vor Drehbeginn noch einmal überarbeitete Skript seinerzeit als Reaktion auf ein Interview verfasst, in dem sich Ellen Page über den Mangel an guten Frauenrollen beklagte. Die von Barton erdachten Charaktere sind toll, weil facettenreich und tiefgründig; ihre Lebensumstände sind glaubwürdig, ihr Verhalten ist nachvollziehbar. Doch seine elliptische Handlung, der die Demonstrationen vor den Gefängnissen Struktur verleihen, bleibt zu schematisch: hier die Gegner, dort die Befürworter der Todesstrafe und dazwischen eine "Romeo und Julia"-gleiche Romanze. So gelungen manche Drehbucheinfälle auch sind – etwa der, die Hingerichteten nicht zu zeigen, sondern lediglich deren Henkersmahlzeit –, ist das Drama durch seine lose Erzählweise und die Vielzahl an angeschnittenen Themenkomplexen letztlich weniger bewegend, als es sein könnte.

Was "My Days of Mercy" neben den überzeugenden Schauspielerinnen dennoch sehenswert macht, ist Shalom-Ezers behutsame Inszenierung. Sie drängt die formalen Mittel nie in den Vordergrund, setzt Kamera, Montage und Musik ganz dezent ein. Mit präzisem Blick für Details erschafft die Regisseurin eine ungemein glaubwürdige Lebenswirklichkeit, in der schwerwiegende Dinge mit einer authentischen Beiläufigkeit geschehen.

Fazit: "My Days of Mercy" ist das intensiv gespielte und dezent inszenierte US-Debüt der israelischen Regisseurin Tali Shalom-Ezer. In diesem bewegenden Liebes- und Familiendrama über gleich mehrere politisch brisante Themen geben Frauen den Ton an. Letztlich will das zu schematische Drehbuch allerdings ein wenig zu viel.




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