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Wer vier sind
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Kritik: Wer vier sind (2019)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Ein Dokumentarfilm über deutschen Sprechgesang kommt um "Die Fantastischen Vier" nicht herum. Zum einen sind die vier Musiker aus Benztown die erfolgreichsten Hip-Hopper des Landes der Dichter und Denker. Zum anderen lässt sich entlang ihrer Anfänge prima die Spaltung der Szene erzählen: sozialkritischer Rap à la "Advanced Chemistry" auf der einen, die Spaßrapper aus Stuttgart auf der anderen Seite. Auch Thomas Schwendemanns Film zum 30. Bandjubiläum der reimenden Schwaben drückt sich nicht vor dem Durchbruch mit der Single "Die da!?!" und den positiven wie negativen Begleiterscheinungen. Erfrischenderweise zieht er sein Bandporträt insgesamt aber etwas anders als die gewohnten Musikdokus auf.

Schwendemann beginnt zunächst ganz klassisch. Die "Fantas" cruisen in einem roten Oldtimer durch Stuttgart und sinnen über ihre Karriere nach. Von dort zweigt der Regisseur in die Bandgeschichte ab und steigt tief ins Archiv. Auch der zweite Erzählstrang ist aus anderen Musikdokus vertraut: Der Film begleitet die Band bei ihrem neuesten Album "Captain Fantastic" – von der Komposition und ersten Aufnahmen auf Thomas Ds Bauernhof in der Eifel, über das Tonstudio bis zu den Proben und der Tour. Dazwischen besucht der Regisseur die vier Musiker zu Hause, bei ihren Nebentätigkeiten und Freizeitaktivitäten, sitzt etwa mit Smudo im Rennwagen oder in einer kleinen Propellermaschine.

Die große Stärke liegt in der narrativen Struktur. Schwendemann und seine Cutterin Carmen Kirchweger haben "Wer 4 sind" nach Themenkomplexen arrangiert. Zwar porträtiert der Filmemacher die Bandmitglieder einzeln nacheinander, schwenkt dabei aber beständig zu den anderen und ihren Lebensverhältnissen, wenn es um Dinge wie Herkunft und neue Wahlheimat, Familie und Vaterschaft, Ruhm und Anonymität oder um das Verhältnis der Musiker zueinander geht. Gepaart mit der Musik entsteht so ein audiovisueller Flow, der der Dynamik der "Fantas" sehr nahekommt.

Wer Dieter Zimmermanns Dokumentarfilm "Was geht – Die fantastischen Vier" (2001) kennt, stellt fest, dass sich die vier Freunde im Kern nicht verändert haben. Alle sind reifer geworden, klar, und sind der festen Überzeugung, dass ihre Freundschaft gerade aufgrund der Distanz so gut funktioniere. Eloquent, charmant, lausbübisch, äußert reflektiert, selbstkritisch und selbstironisch waren sie aber schon damals. Dieses lässige Understatement und die Bodenständigkeit, sowohl der Band als auch dieses Films, sind einnehmend und machen Schwendemanns zu unkritische Haltung gegenüber den Porträtierten allemal wett. Die mäkeln sowieso genug. Andy.Ypsilon, Michi Beck, Thomas D und Smudo sind sich ihrer Stärken, vor allem aber ihrer Schwächen bewusst. Frei heraus geben sie vergangene Fehler und Eitelkeiten zu und gestehen sich ein, dass sie mittlerweile Hilfe benötigen. Die kreativen Akkus sind leer. Ohne Mitwirkung von Kollegen wie Clueso, Damion Davis oder Samy Deluxe wäre "Captain Fantastic" nicht entstanden.

Diese Szenen sind die Glanzlichter. Dann sitzen die großen Stars im Tonstudio und freuen sich wie Kleinkinder, dass Clueso während seiner eigenen Tournee kurz vorbeischaut und den Song "Zusammen" einsingt. Die Arbeit mit den Kollegen setzt noch einmal längst verloren geglaubte kreative Prozesse frei. Obwohl die Musiker wiederholt mit dem Ende der Band kokettieren, ist auch nach 30 Jahren immer noch nicht Schluss. Dass sie bis dato erfolgreich sind, haben sie gerade ihrer Unterschiedlichkeit zu verdanken, auch das arbeitet Thomas Schwendemanns Film präzise heraus. Letztlich ist es wie auf dem Plakat zum Film: vier Charakterköpfe, ja Dickschädel, um die nötige Reibung zu erzeugen, am Ende aber eine Einheit.

Fazit: "Wer 4 sind" ist ein erzählerisch klug aufgezogenes Bandporträt vierer sympathischer, bodenständig gebliebener Musiker, die sich selbst kritisch hinterfragen, wo es Regisseur Thomas Schwendemann versäumt. Ein Dokumentarfilm, der Gruppendynamiken und kreative Prozesse offenlegt und dadurch nicht nur für Fans der "Fantastischen Vier" sehenswert ist.




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