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Götter von Molenbeek
Götter von Molenbeek
© Real Fiction

Kritik: Die Götter von Molenbeek (2019)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Wie lebt es sich in einem Viertel, das unter Beobachtung steht? In ihrem ersten langen Dokumentarfilm begibt sich Reetta Huhtanen mitten hinein nach Molenbeek, jenem Brüsseler Stadtteil, der als Hort des Dschihadismus gilt. Dabei wählt die finnische Regisseurin einen außergewöhnlichen Ansatz. Anstatt die üblichen Verdächtigen, also Politiker, Religionsvertreter, Experten und Anwohner zu interviewen, begleitet sie ihren sechsjährigen Neffen Aatos, dessen besten Freund Amine und Aatos' Mitschülerin Flo durch deren Alltag.

Huhtanen ordnet ihren Film konsequent der Sichtweise ihrer jungen Protagonisten unter. Hannu-Pekka Vitikainens Kamera ist stets auf Augenhöhe, schneidet die Köpfe von Erwachsenen ab, zeigt diese nur aus der Ferne oder im Unschärfebereich und degradiert sie auf diese Weise zu Randfiguren. Der Effekt ist so simpel wie verblüffend: Irgendwann übernimmt auch das Publikum die Kindersicht der Dinge. Unumstößliche Weltbilder und Glaubenssätze, festgefahrene politische Lagerbildung und über Jahrzehnte eingeübte Reflexe geraten dadurch ins Wanken.

Der Blick der Kinder ist erfrischend unverstellt, weil er sich der Welt neugierig und wissbegierig und nicht zynisch abgeklärt zuwendet. Erwachsene bezeichnen das gern als kindlich naiv. Doch die einfachen Fragen, die Aatos und seine Freunde über die Welt und die Religion(en) haben, sind ungemein clever. Ihre Antworten machen einen immer wieder staunen. Zu großen Teilen wohl auch deshalb, weil man längst vergessen hat, welch kluge Fragen man als Kind selbst stellte. Wer eigene Kinder hat, wird viel von ihnen in Aatos, Amine und Flo und in ihrer Vorstellungswelt entdecken.

Diese Welt ist freilich nicht konfliktfrei. In einigen Gesprächen deutet sich die Rivalität zwischen den Religionen, die so viel Leid verursacht, auch bei den Kindern an. Denn natürlich sind Aatos und Co. beeinflussbar und glauben nicht nur an das, was sie mit eigenen Augen sehen, sondern auch an das, was ihnen die Erwachsenen vorplappern.

Von Fanatismus ist all das weit entfernt. Ganz im Gegenteil: die Muslime in Molenbeek gehen gerade dagegen auf die Straße. Huhtanens Film erinnert aber auch daran, wie wichtig es ist, Kindern beim Fabulieren keine Verbote zu setzen und kritisches Denken beizubringen. Zu guter Letzt zeigt er, wie wichtig Diskurs und Streitgespräche sind – auf Augenhöhe und respektvoll gegenüber den Mitdiskutanten. Die Erwachsenen sollten sich ein Beispiel an ihren Kindern nehmen!

Fazit: Reetta Huhtanens erster langer Dokumentarfilm ist ein kleines Highlight. Stets auf Augenhöhe mit ihren jungen Protagonisten zeigt die finnische Regisseurin, wie einfach und um wie vieles besser die Welt sein könnte, wenn wir unsere Probleme öfter durch Kinderaugen betrachten würden.




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