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The Remains - Nach der Odysee
The Remains - Nach der Odysee
© Real Fiction

Kritik: The Remains - Nach der Odysee (2019)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Der österreichische Dokumentarfilm von Nathalie Borgers befasst sich mit der traurigen Tatsache, dass das Mittelmeer längst zum Massengrab von Bootsflüchtlingen geworden ist. Borgers schaut sich auf der griechischen Insel Lesbos um, wo viele von ihnen die letzte Ruhe finden und die Küstenwache Leichenfunde sorgfältig dokumentiert. Denn die Toten sollen von Angehörigen, die nach ihnen suchen, später noch identifiziert werden können anhand von Beschreibungen und Fotografien. In Wien trifft die Dokumentarfilmerin eine kurdische Familie aus Syrien, die 13 Angehörige an das Meer verloren hat. Die Überlebenden sind schwer traumatisiert und wissen nicht, wie sie im Leben wieder Fuß fassen sollen.

Imad Jamil erzählt, dass er nach dem Bootsunglück, das er überlebte, nach Deutschland weitergeschickt wurde. Sein Vater und die Schwestern kamen in der Türkei an Land und dürfen zwei Jahren später nun zu Farzat Jamil, Imads Bruder, nach Wien ziehen. Aber Österreich verweigert Imad den Zuzug zur Familie. Bei seinem Besuch in Wien trauert die Familie gemeinsam. Die Brüder und der Vater weinen, trösten sich gegenseitig, sprechen über die Suche nach den Vermissten, das Versagen der türkischen Küstenwache, das Wrack mit den darin vermuteten Toten zu bergen. Aber Farzat ermutigt seinen Bruder auch, wieder zu heiraten. Dieser bekommt auch von anderer Seite den Rat, trotz aller Trauer in seinem Leben etwas voranzubringen. Es ist sehr bewegend zu sehen, wie gefasst diese Hinterbliebenen mit ihrem Schmerz umgehen und wie dankbar sie trotz allem über die Hilfe sind, die sie in Europa erhalten.

Zu den berührendsten Szenen auf Lesbos gehört die Erzählung eines griechischen Fischers, der beherzt ins Wasser sprang, als er 2009 ein Boot voller Flüchtlinge kentern sah. Er konnte zehn Menschen retten, zehn weitere zog er tot an Land. Die Erinnerung an ein kleines ertrunkenes Mädchen verfolgt ihn noch heute. Der Film sucht und findet Gesten der Menschlichkeit und des Trostes inmitten der Verzweiflung und des Unglücks, das die europäischen Regierungen immer noch geschehen lassen. Sie sollten sich ein Beispiel nehmen an den im Film gezeigten Einzelpersonen und Organisationen, für die humanitäre Hilfe eine notwendige Aufgabe darstellt, der sie sich nicht entziehen.

Fazit: Auf einer griechischen Ferieninsel mehren sich die Gräber ertrunkener Bootsflüchtlinge, die keinen Namen tragen. Der österreichische Dokumentarfilm von Nathalie Borgers begibt sich auf die Spuren der Katastrophe, die sich seit vielen Jahren im Mittelmeer ereignet. Er beobachtet, was mit geborgenen Leichen geschieht und schildert die schmerzliche Suche von Überlebenden nach vermissten Angehörigen. Indem sich der bewegende Film der Trauer und dem Leid widmet, lässt er zugleich Mut und Engagement individueller Helfer, aber auch kleinere Gesten der Mitmenschlichkeit und des Trosts hell leuchten.




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