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Kritik: Searching Eva (2019)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

In ihrem Langfilmdebüt porträtiert die Regisseurin Pia Hellenthal die junge Bloggerin Eva Collé, die alle Welt an ihrer eigenen Identitätssuche teilhaben lässt. Die 25-Jährige, die in Berlin lebt, streitet Prägungen nicht ab, will sich aber von der Vergangenheit in der Selbstverwirklichung nicht einschränken lassen. Auch der Gesellschaft mit ihren Rollenerwartungen an die Frau hält sie lieber einen Spiegel vor, als sich ihr anzupassen, beispielsweise indem sie erotische Posen mit eigenem Leben füllt und verfremdet. Der Film wirkt wie ein verlängerter Arm ihres Blogs, beobachtet Eva nicht nur, sondern inszeniert sie auch und stellt sich damit zugleich in den Dienst ihrer Selbstdarstellung.

Was diesen Dokumentarfilm so interessant macht, ist sein aktuelles Thema des Verlusts der Privatsphäre im Zeitalter der sozialen Medien. Nicht nur Eva, auch die meisten anderen jungen Menschen posten unermüdlich Selfies. Die Selbstdarstellung im Internet ist mittlerweile persönlichkeitsbildend, man kann sich so präsentieren, wie man gesehen werden will und damit auch experimentieren. An Evas Seite erkundet der Film, ob dabei eine neue gesellschaftliche Diskussion in Gang gesetzt werden kann. Er zitiert in Textform Kommentare Dritter, die auf Evas Blog erscheinen. Junge Frauen bitten um Rat in sexuellen Fragen, oder klagen, dass sie ihren Körper nicht mögen. Eva antwortet manchmal und bietet sich selbst als Beispiel für Selbstermächtigung an. Es gelte, meint sie, Dinge oder Umstände nicht mit Bedeutung aufzuladen.

Manchmal beobachtet der Film Eva im Kontakt mit anderen. Manchmal aber posiert Eva in sorgfältig arrangierten Tableaus: in Jeans und mit nacktem Oberkörper auf dem Geländer sitzend, neben einem Mann im gleichen Outfit, als Sexarbeiterin, die selbstbewusst auf dem Bett ausgestreckt liegt und in die Kamera schaut, während sich der Freier wieder anzieht. In ihrem Blick liegt auch eine provokante Rückfrage an die Gesellschaft, ob diese sie überhaupt als Person wahrnehmen will.

Evas Blogbeiträge begleiten die Aufnahmen oft als Voice-Over-Kommentar. Eva gibt sich darin kapitalismuskritisch, zeigt sich aber auch wieder als Kind ihrer Zeit, sie lebt ihre Einfälle und führt keinen Feldzug. Wenn das Internet Menschen hilft, sich aus engen Rollenmustern zu befreien, dann nur her mit den Selfies!

Fazit: Der Dokumentarfilm von Pia Hellenthal porträtiert die junge Bloggerin Eva Collé, die für ihre freizügigen Selbstaufnahmen und gesellschaftskritischen Kommentare bekannt ist. Als Kind ihrer internetaffinen Generation treibt sie den Trend zur Ausmerzung der Privatsphäre auf die Spitze und erprobt ihre Identität öffentlich, spielerisch. Dabei hält sie zugleich auch den Betrachtern einen Spiegel vor, indem sie in weibliche Rollenbilder wie die Bikinischönheit oder die Hure schlüpft und mit ihrem Eigenleben über sie triumphiert. Im Sinne der Protagonistin erhebt der ansprechend inszenierte Film ihre Selbstdarstellung in den Rang einer anregenden künstlerischen Performance.




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