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Kritik: Acid (2019)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Das Spielfilmdebüt des Regisseurs Alexander Gorchilin porträtiert die junge Generation Russlands einfühlsam, aber auch mit kritischem Blick. Die beiden 20-jährigen Freunde Sasha und Petya taumeln ziellos durch ihren Alltag. Das Partymachen kann ihr Gefühl innerer Leere nur kurzzeitig betäuben. Die Elterngeneration macht sich rar oder hat keinen Draht zu den Kindern. Der in Moskau geborene Gorchilin, der als Schauspieler mit dem Regisseur Kirill Serebrennikov ("Leto") zusammenarbeitete, ist selbst noch keine 30 Jahre alt. In "Acid" fängt er die komplizierte Stimmungslage derjenigen ein, die in einer Zeit des Wertewandels aufgewachsen sind.

In der russischen Gesellschaft hallen noch die alten sozialistischen Werte von Leistung, Pflichterfüllung und Gehorsam nach. Junge Mädchen wie Karina gehen nach der Schule zum Training in rhythmischer Gymnastik. Man geht früh die Ehe ein, wäre Vanya nicht gestorben, hätte er seinen Termin beim Standesamt wahrnehmen können. Sasha und Petya stehen im Leben viele Möglichkeiten offen, aber sie wissen nicht, wie sie sie ergreifen sollen. Ihr Freund Vanya probte den Ausbruch auf seine Weise, wild, nackt, verrückt, grenzenlos. In Vanyas Radikalität sehen die beiden anderen jungen Männer ein Stück weit ihre eigene prekäre Gefühlslage gespiegelt. Beide geben sich rebellisch und wirken zugleich hilflos, als warteten sie darauf, gerettet zu werden. Homoerotik spielt unterschwellig auch eine Rolle und mit dem Künstler Vasilisk lernen die beiden auch einen Charakter kennen, der seine Homosexualität auslebt.

Der Film entwickelt eine reizvolle Spannung, während der ernste, in sich gekehrte Sasha seine Beziehungen zu sortieren versucht. Wie kann er dem krisengeschüttelten Petya helfen, an dem er so hängt? Wie kommt er von seiner Freundin los, und was gefällt ihm so an ihrer 15-jährigen Schwester, die genauso desillusioniert und abgebrüht redet wie die Großen? Sein Lebensgefühl pendelt zwischen brodelnder Dringlichkeit und lähmendem Weltschmerz. Ein-zweimal schießt das Drehbuch von Valery Pecheykin über das Ziel hinaus und legt den Helden selbstkritische Weisheiten in den Mund, die klingen, als hätten sie sich in ihre Eltern verwandelt. Die Einsamkeit und die Wut dieser jungen Männer aber, die sich aus ihrer tiefen Verunsicherung herausschälen müssen, teilt sich eindrucksvoll mit.

Fazit: Das Spielfilmdebüt des jungen russischen Regisseurs Alexander Gorchilin zeichnet das Porträt einer Jugend, die sich von der Elterngeneration im Stich gelassen fühlt. Der 20-jährige Held Sasha und sein Freund finden keinen passenden Ausdruck für ihre angestaute Wut, die aus der Enttäuschung und Unsicherheit entspringt. Die Erwartungen der Gesellschaft an sie erscheinen ihnen so diffus wie ihre Möglichkeiten. Während sie herauszufinden versuchen, wer sie sind und was Freundschaft bedeutet, entwickelt der zwischen Nüchternheit und subjektiver Perspektive pendelnde Film eine fesselnde Spannung.




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