VG-Wort
Die Domain Spielfilm.de verwendet Cookies für funktionale und analytische Zwecke. Durch die Nutzung unserer Seite erklärst Du Dich damit einverstanden. Weitere Cookie-Informationen findest Du hier.

Ok, einverstanden!

oder
Verteidiger des Glaubens
Verteidiger des Glaubens
© Real Fiction

Kritik: Verteidiger des Glaubens (2019)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Braucht die katholische Kirche Reformen? Ohne diese Frage auszusprechen, schwingt sie in Christoph Röhls Dokumentarfilm, der am Reformationstag in den deutschen Kinos startet, in jeder Minute mit. Röhl, selbst kein Gläubiger, nimmt das Leben und Wirken Joseph Ratzingers kritisch unter die Lupe und steigt mit einem verblüffenden Fakt über einen Reformprozess ein. Was viele, die Ratzinger nur als Vorsitzenden der Glaubenskongregation und als späteren Papst Benedikt XVI. kennen, nicht wissen dürften: Beim Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-1965) war der 1927 im Oberbayerischen geborene Gottesmann noch eine treibende progressive Kraft.

Schon hier offenbart Röhls klassische Herangehensweise an den Dokumentarfilm ihre ersten Schwächen. Ein ruhig montierter Wechsel aus Interviews und Archivmaterial, über dem Ulrich Tukurs getragener Off-Kommentar liegt, zeichnet Ratzingers Wandel vom Erneuerer zum Bewahrer, weg von der Öffnung der Kirche hin zur Trutzburg, doch arg verkürzt, vor allem aber psychologisch unterkomplex und spekulativ nach. Ratzingers Zeit an der Spitze der Glaubenskongregation und später an der Spitze der Kirche räumt Röhl indes mehr Raum ein. Er nutzt diesen geschickt, um die strukturellen Probleme der Kirche anschaulich aufzuzeigen, die den Missbrauch innerhalb dieses hermetischen Systems zwar nicht (be-)förderten, aber ermöglichten und zu ignorieren und vertuschen halfen.

Die Befürworter des 2013 emeritierten Papstes sind klar in der Unterzahl und wirken ein wenig wie ein Feigenblatt. In welche Richtung Röhls Film steuert, macht bereits das vorangestellte Zitat des Theologen Blaise Pascal unmissverständlich. Der Mensch werde umso bestialischer, je mehr er ein Engel sein wolle, heißt es da. Joseph Ratzingers Kritiker zeichnen das Bild eines äußerst gebildeten, aber auch ängstlichen, weltfremden und vom höchsten Kirchenamt überforderten Mannes; das Bild eines Papstes, der der Kirche zu altem Glanz verhelfen wollte und sie dadurch erst in die Krise führte. Weil er notwendige Reformen und die bis heute so dringlich vermisste, allumfassende Aufklärung im Missbrauchsskandal versäumt hat.

Fazit: Christoph Röhls Dokumentarfilm über Joseph Ratzinger, den deutschen Papst Benedikt XVI., wird des komplexen Themas und der vielfältigen (kirchen-)politischen Gemengelage nicht immer gerecht. Was Röhl allerdings schlüssig und nachdrücklich aufzeigt, ist die Notwendigkeit und Dringlichkeit einer nach wie vor nicht zufriedenstellenden Aufarbeitung des Missbrauchskandals innerhalb der katholischen Kirche.




Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.