VG-Wort

oder

Kritik: Love After Love (2019)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Russell Harbaugh legt mit "Love After Love" sein Langfilmdebüt als Regisseur und Drehbuchautor vor. Das Skript, das er gemeinsam mit Eric Mendelsohn geschrieben hat, erzählt eine Geschichte, die im US-Indie-Kino nicht unüblich ist: Es geht um eine Familie aus dem gehobenen Bürgertum, die mit dem Tod des Ehemanns beziehungsweise Vaters konfrontiert wird und so in eine Krise gerät. Harbaugh setzt diesen Plot jedoch in einer Art und Weise um, die eher in der Tradition der französischen Dramen "Wir werden nicht zusammen alt" (1972) und "Die Qual vor dem Ende" (1974) von Maurice Pialat steht: Die Tonlage ist spröde, die Erzählstruktur ist von Ellipsen durchzogen.

Die Witwe Suzanne und ihre beiden erwachsenen Söhne Nicholas und Chris müssen sich vor allem mit den Banalitäten des (Weiter-)Lebens befassen: Sie verspüren Trauer, Wut, Aggression, (Selbst-)Hass – und verletzen mit ihrem Verhalten sowohl sich selbst als auch einander. Der auf dem Tribeca Film Festival ausgezeichnete Kameramann Chris Teague fängt das Geschehen mal mit einer unruhigen Handkamera und mal in überaus distanzierten Einstellungen ein. Auf diesem Wege wird der Zustand der inneren Zerrissenheit der Figuren nachvollziehbar vermittelt. Harbaugh verzichtet in seiner Inszenierung auf große, dramatische Hollywood-Gesten – und kommt der Trauer dadurch schmerzhaft nahe.

Dass "Love After Love" bei aller Sperrigkeit funktioniert, ist nicht zuletzt dem Ensemble zu verdanken. Andie MacDowell ("Sex, Lügen und Video", "Vier Hochzeiten und ein Todesfall") interpretiert die Verunsicherung und Frustration von Suzanne mit beachtlichem Einsatz: Wenn sie in ihrer Rolle mit spitzen Bemerkungen Konflikte heraufbeschwört oder sich in einem Club völlig verloren fühlt, liefert die 1958 geborene Schauspielerin eine großartige Leistung. Ihre Co-Stars Chris O'Dowd ("The Sapphires") und James Adomian agieren als ungleiches Brüderpaar ähnlich couragiert; und auch die Nebenparts sind etwa mit Juliet Rylance ("The Knick") und Dree Hemingway ("Starlet") gut besetzt.

Fazit: Furchtlos, roh und lebensnah. Russell Harbaugh und sein Team um Andie MacDowell und Chris O'Dowd werfen einen präzisen Blick auf Familiendynamiken.




Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.