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Porträt einer jungen Frau in Flammen
Porträt einer jungen Frau in Flammen
© Alamode Film © Die FILMAgentinnen © Wild Bunch

Kritik: Porträt einer jungen Frau in Flammen (2019)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Zwei junge Frauen gehen im Jahr 1770 für wenige Tage eine Beziehung ein, die nicht sein darf. Sie lässt sie die Benimmregeln und die geistigen Fesseln sprengen, welche ihre Epoche dem weiblichen Geschlecht auferlegt. Die Malerin Marianne und die Herzogstochter Héloïse befreien ihren Blick und sehen sich und die Welt plötzlich neu. Die französische Regisseurin Céline Sciamma ("Tomboy", "Mädchenbande") hat sich bereits des öfteren mit dem weiblichen Rollenbild der Gesellschaft befasst. Indem sie nun eine fiktionale Geschichte aus einem früheren Jahrhundert erzählt, verdeutlicht sie die umfassende Tradition der Vereinnahmung der Frau durch den männlichen Blick. Ihr Film ist eine Schule des Sehens, die einem heutigen Publikum die Augen öffnen soll für die Einseitigkeit der europäischen Kulturgeschichte.

Um sich zu beschnuppern, ungestört miteinander zu reden und eigene Gedanken zu entwickeln, brauchen Marianne und Héloïse einen Freiraum. Im Schloss auf der Insel gibt es keinen Mann, außer den beiden Frauen und der Herzogin lebt dort nur noch das junge Hausmädchen Sophie (Luàna Bajrami). Das Schloss wirkt verwaist, es steht halb leer. Mehr Komfort als ein prasselndes Feuer im Kamin hat es kaum zu bieten. Die Stille und Abgeschiedenheit symbolisiert auch den leeren gesellschaftlichen Raum, in dem sich Frauen befinden, wenn sie sich nicht nach Männern richten.

Die Steilküste, der einsame Strand und die aufgewühlte See stellen eine dramatische Kulisse dar für den emotionalen Aufruhr der beiden Frauen. Marianne und Héloïse führen nicht nur einen Dialog der Worte, sondern auch der Blicke, aus denen abwechselnd Neugier, Begehren, Unsicherheit und Verletzlichkeit sprechen. Sie ermutigen sich gegenseitig, sich als emanzipierte, erwachsene Menschen zu begreifen.

Mehr als auf die Erotik kommt es Sciamma auf diesen Aspekt des weiblichen Ganzseins an. Marianne und Héloïse begleiten Sophie zu einer Abtreibung in einer ärmlichen Steinhütte. "Sieh hin", sagt Héloïse zu Marianne, als diese den Blick züchtig abwenden will. Hinsehen ist der erste Schritt zur Erkenntnis und zum Verstehen dessen, was Frauen betrifft, aber verheimlicht werden soll. Auch in der Kunst regiert die männliche Perspektive. Wenn Marianne, Héloïse und Sophie über eine griechische Sage sprechen, spielen sie mit subjektiven Einfärbungen. Und wenn Marianne Héloïse zum zweiten Mal malt, entsteht das Porträt einer Persönlichkeit.

Fazit: Die französische Regisseurin und Drehbuchautorin Céline Sciamma befreit in diesem historischen Drama zwei junge Frauen vom männlichen Blick. Die Malerin Marianne lernt auf einem einsamen Schloss, ihr Modell Héloïse, die Tochter der Herzogin, mit eigenen Augen jenseits der Konventionen zu sehen. Die so intensive, wie kurze Beziehung lässt beide Frauen erblühen und zu ungeahnter Selbsterkenntnis gelangen. Das bildgewaltige und kluge Drama erschöpft sich nicht in gefälliger Erotik, sondern gibt den Hauptfiguren eine Größe und Würde, die Frauen ihrer Zeit nicht gestattet wurde.




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