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Die untergegangene Familie
Die untergegangene Familie
© Cine Global Filmverleih

Kritik: Die untergegangene Familie (2018)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Mit diesem Drama über eine Frau, die um ihre Schwester trauert und sich ihrer Wurzeln neu bewusst werden will, gibt die argentinische Schauspielerin Maria Alché ihr Spielfilmdebüt als Regisseurin und Drehbuchautorin. Ihr Alltag, ihr geordnetes Leben gibt Marcela auf einmal nicht mehr so viel Halt wie bisher. Der Verlust öffnet in ihrem Geiste Räume, in denen sie Angehörige aus der Vergangenheit sieht. Sie rollen sich in der Wohnung der verstorbenen Schwester Rina in die Vorhänge ein, wie spielende Kinder. Obwohl er von einem Prozess der Trauer handelt, wirkt dieser Spielfilm flirrend leicht.

Die Handlung scheint zu fließen, Realität und Fantasie vermischen sich in Marcelas Wahrnehmung und beginnen einen Dialog mit offenem Ausgang. Der Film begreift Trauer als einen Prozess, in dem die Suche nach dem, was zählt, so dringlich wird, dass sie die Sinne schärft. Darin und vor allem wegen der sanft schwebenden Atmosphäre, die an sich schon etwas Tröstliches hat, ähnelt er dem französischen Drama "Dieses Sommergefühl" von Mikhaël Hers aus dem Jahr 2015.

Ausgiebig und fast schon dokumentarisch beobachtend macht der Film seine Zuschauer mit Marcelas Familienleben vertraut. Die Waschmaschine ist kaputt, Nahuel und seine Schwester Jimena (Ia Arteta) streiten. Man trifft sich in der Küche, redet und scherzt, geht wieder auseinander. Die Zuschauer bekommen das Gefühl, zu dieser Familie zu gehören, die Charaktere zeigen sich gelöst, wie sie es nur unter sich tun.
Aber auch in dieser Nähe ist ihr Gegenteil vorhanden, das Zusammensein spendet nur teilweise Geborgenheit. Jimena hat zu wenig Platz für sich, Nahuel freut sich nicht über das Geschenk, das sein Vater von der Reise mitbringt. Marcela entdeckt, dass sie mit Nacho, einem praktisch fremden jungen Mann, besser über Rina und ihre Herkunftsfamilie sprechen kann, als mit dem Ehemann oder den Kindern.

Die Einbrüche der Fantasiewelt in Marcelas Wahrnehmung huldigen der südamerikanischen Erzähltradition des magischen Realismus. Man könnte sich sogar fragen, ob außer den alten Tanten nicht auch Nacho ein Produkt von Marcelas Einbildung ist. Die Freundschaft mit ihm eröffnet ihr jedenfalls neue Wege, die hinaus in die Natur führen, in die Wildnis. Die Suche nach den eigenen Wurzeln bleibt verwirrend für Marcela. Harmonie scheint ihr kein Zustand mehr zu sein, sondern allenfalls ein Ausdruck von Bewegung.

Fazit: Das Regiedebüt der Argentinierin Maria Alché beeindruckt als ein Drama, das von der Trauer einer Frau um ihre Schwester und die verlorene Vergangenheit erzählt, indem es sich dem Strom ihres Alltagslebens anvertraut. Die Atmosphäre, in der die Hauptfigur Marcela ihre innere Erschütterung durchlebt und sich auf die Suche nach unbeachteten, vergessenen Wahrheiten macht, ist flirrend leicht. Es fasziniert, wie vertraut einem das Miteinander in Marcelas Familie erscheinen kann, obwohl sich deren Charaktere immer nur flüchtige Momente der Nähe schenken.




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