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Kritik: Paradise Hills (2019)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 2 / 5

Manchmal möchte man beim Abspann regelrecht in die den Kinosessel beißen vor Gram – da hat man eben einen Film gesehen, der eigentlich zwei dicke, fette Pluspunkte auf der Habenseite hat und man möchte allein schon aufgrund dieser beiden laut in die Welt rufen "Ja! Is geil! Schaut ihn euch an, Leute!" nur blöderweise gibt es auch ein dickes Minus, das leider nicht so ohne weiteres von der Platte geputzt werden kann und einem bei Nichterwähnung mit Sicherheit irgendwann um die Ohren gehauen wird! Den ersten Pluspunkt stellt jedenfalls Milla Jovovich dar, die die Anstaltsleiterin spielt und an dieser Stellte sollte mal eins unmissverständlich klar gestellt werden:

Zeit Online attestiert in einer Kritik zum Film gehässig, dass Jovovich als "begnadete Charakterdarstellerin, in einer Liga mit Megan Fox und Heidi Klum" bekannt ist, unterstellt ihr gutes Aussehen, aber absolute Talentfreiheit und zieht zudem fiese Vergleiche zu Brigitte Nielsen in "Prinzessin Fantaghirò".

Mal abgesehen davon, dass eine solch unglaubliche Boshaftigkeit zu gewissen Rückschlüssen auf etwaige Defizite der Autorin verleitet, lässt sich das Gegenteil auch leicht beweisen: Jovovich ist mitnichten talentfrei, sondern schlug sich zum Beispiel bereits in "Stone" (2010) neben einer Schauspielgröße wie Robert De Niro mehr als beachtlich, der Punkt ist aber eben auch, dass die serbisch-russisch-stämmige Schauspielerin in der Lage ist, allein mit ihrem ätherisch-sublimen Aussehen und ihrer irgendwo zwischen somnambul und angrifflustige pendelnden Präsenz locker eine millionenschweren Franchise (wer immer noch glaubt, dass es sich bei der "Resident Evil"-Reihe um Spieleverfilmungen handelt, glaubt auch noch an den Osterhasen – natürlich wurde hier fünfmal Milla ein Denkmal gesetzt, Milla-Verfilmungen quasi) zu schultern und daran ist absolut nichts verwerfliches, im Gegenteil: Das muss man erstmal nachmachen! Die Frau schwebt einfach über den Dingen und hat seit dem Ende ihrer Karriere als Zombie-Schlächterin mit Lust und Wonne den Bette-Davis-Gedächtnis-Modus eingelegt, der Totalausfällen wie "Hellboy: Call of Darkness" oder "Futureworld" die einzigen Lichtblicke beschert hat. Und auch in "Paradise Hills" gibt Jovovich die Göttliche, deren Figur wirkt wie frisch aus einem grimmschen Märchen importiert, mit Charisma, bossigem Auftreten und exaltierten Gesten dem Affen Zucker und setzt erneut den einzigen schauspielerischen Glanzpunkt. Das hat aber – um fair zu bleiben – auch damit zu tun, dass die Parts von Emma Roberts und Anhang nur wenig Möglichkeiten zur Entfaltung geben. Uma soll zum Beispiel eine Art Punk markieren, was sich allerdings lediglich durch lila gefärbtes Haar äußert. Genauso hat Armana eine Drogenvergangenheit, ein Umstand, der durch eine TV-Reportage vermittelt wird, aber weder für die Figur noch für die Handlung irgendwie von Bedeutung ist. Und Chloe ist halt dick und Yu ein bisschen grummelig. Man weiß nicht so recht, wieso gerade diese vier farblosen Mamselln jetzt einsitzen müssen und erfährt auch sonst nicht viel. Diese Unkonturiertheit der Hauptfiguren sorgt natürlich für ein rabide abfallendes Interesse an deren Schicksal und für erhöhte Aufmerksamkeit, wenn Milla den Raum betritt, was aber eigentlich nicht so wirklich Sinn der Sache ist. Wenig hilfreich ist, dass das Drehbuch, an dem immerhin der spanische Indie-Titan Nacho Vigalondo beteiligt war, zwar von Ober- und Unterschicht, von Selbst- und Fremdbestimmtheit, vom schweren Stand der Frauen in unserer Gesellschaft und vermutlich weiteren wichtigen Dingen erzählt, aber im Endeffekt nicht nur wie ein ungelenker Neuaufguss des letztjährigen, weitaus smarteren "Level 16" von Danishka Esterhazy wirkt, sondern im letzten Drittel zusehends konfus wird und schlussendlich in einem campigen Finale endgültig in sich zusammenklappt.

Was "Paradise Hills" aber dennoch – neben Milla - eine gewisse Daseinsberechtigung verleiht, ist die ästhetische Ebene. Bei der spanischen Produktion handelt es sich um das Debüt der 29jährigen Alice Waddington, die zuvor als Modefotografin und Werbefilmerin tätig war und das sieht man ihrem bis ins letzte perfekt durchgestylten Kinofilmdebüt in jeder Sekunde an. Egal ob Ausstattung oder Setdesign: Alles ist mit überquellender Liebe zum oftmals symbolischen Detail (zum Beispiel müssen die Insassinnen weiße Kleider in Taillenschnürung mit Schnallen und Riemen tragen und überall finden sich auf irgendeine Weise Rosen) umgesetzt und in den verschiedensten Farben kräftig ausgeleuchtet. Waddington gelingt zumindest auf visueller Ebene tatsächlich überzeugend eine eigene Welt aufzufächern, aber ob allein das und natürlich Milla reichen um eine Kinokarte zu lösen, tja……ich hab das dicke Minus jedenfalls erwähnt!




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