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Kritik: Weißer weißer Tag (2019)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Der zweite Spielfilm des isländischen Regisseurs Hlynur Pálmason ("Winter Brothers") ist ein mit Thrillerelementen durchsetztes Drama über einen schweigsamen Mann. Seelisch aus der Bahn geworfen vom Tod seiner geliebten Frau, lenkt er sich mit dem Ausbau eines Stalles zum Wohnhaus ab, aber dann erschüttert ihn ein neuer Tiefschlag. Mit seiner wachsenden Überzeugung, dass seine Frau einen Liebhaber hatte, wird ihm das Glück seines Lebens praktisch ein zweites Mal geraubt. Pálmason, der auch das Drehbuch schrieb, spielt mit Klischees aus skandinavischen Filmen, wie der Schwermut und Einsamkeit der Männer, und verleiht dem Helden seiner Geschichte eine eigenwillige Zwiespältigkeit.

Dass Ingimundur seelisch labil, ja vielleicht sogar gefährlich für sich und andere sein könnte, legt schon die Besorgnis seines Psychiaters nahe. Der Mann muss endlich trauern, seine Gefühle herauslassen! Aber der graubärtige Witwer wüsste wohl gar nicht, wie das geht. Auch andere Zeichen gibt es, die sich als böses Omen verstehen ließen. Ingimundur erzählt seiner Enkelin, als sie einmal krank ist, eine gruselige, irritierend brutale Geschichte, aber die beiden verbindet offenbar auch ein unerschütterlicher Humor. Und dann sieht Salka im Fernsehen ein Kinderprogramm, in dem ein Mann im Astronautenkostüm seinen kleinen Begleitern prophezeit, dass sie alle sterben werden, bevor er sich an die Zuschauer vor den Bildschirmen wendet und ihnen das Gleiche verkündet.

Solche verstörenden Momente lässt die Inszenierung wie beiläufig geschehen. Auch wenn Ingimundur unvermittelt Dinge tut, die nicht in Ordnung sind, geschieht das in den langen Einstellungen des Films völlig undramatisch, als wäre nichts dabei. Der Nebel, der die Menschen, die Autos oft verschluckt, ist ein Symbol für den Verlust an innerer Orientierung, für das große Nichts, das nach dem Hauptcharakter greift.

Stets hofft man, dass Ingimundur wieder Halt findet, schon aus Liebe zu seiner Enkelin. Salka gibt der Geschichte eine schöne emotionale Erdung. Aus Ingimundur wird man jedoch nicht schlau, der Mann ist einfach zu verschlossen und Pálmason reizt diese Rätselhaftigkeit viel zu lange aus. Er will das Abgründige betonen, das im Menschen schlummert, und zugleich einen Mann mit gebrochenem Herzen porträtieren. Aber beides fügt sich hier nicht so recht zusammen, wirkt eher vom Drehbuch gewollt, als plausibel. Die Geschichte versteckt das Gefühl, ähnlich wie der Hauptcharakter, allzu gründlich.

Fazit: Dieses in den nebligen Weiten Islands angesiedelte Thrillerdrama des Regisseurs und Drehbuchautors Hlynur Pálmason erzählt von einem Mann, der nach dem Tod seiner Frau in eine seelische Krise gerät. Die wachsende Überzeugung, dass sie einen Liebhaber hatte, droht ihm alle Gewissheiten, auf denen sein Leben aufgebaut war, zu nehmen. In der nüchtern und wie beiläufig erzählten Handlung erzeugen Einbrüche des Unheils eine verstörende Atmosphäre, während der Hauptcharakter in seiner Verschlossenheit rätselhaft bleibt.




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