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Kritik: Das Freiwillige Jahr (2019)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 5 / 5

"Das freiwillige Jahr" ist eine Gemeinschaftsarbeit der beiden Regisseure Ulrich Köhler und Henner Winckler, die zusammen auch das Drehbuch entwickelten. Beide sind der Berliner Schule, einer Mitte der 90er-Jahre aufgekommenen Stilrichtung im deutschen Film, zuzuordnen. "Das freiwillige Jahr" feierte 2019 seine Weltpremiere im Wettbewerb der Filmfestspiele Locarno.

Es ist eine alltägliche, ganz und gar unspektakuläre Geschichte, die Köhler und Winckler in ihrem kleinen, fein beobachteten Film erzählen. Es geht um Ereignisse, wie sie in jedem Dorf, an jedem Ort in jeder Ecke Deutschlands stattfinden könnten: Ein Vater und eine Tochter sind sich uneins darüber, was das Beste für die Zukunft der Heranwachsenden ist. Die Ziele, Erwartungen und Hoffnungen von Eltern und ihren Kinder kollidieren. Und die ältere Generation muss sich allmählich eingestehen, dass sie den Lebensweg des Nachwuchses nicht bestimmen kann.

Dass diese Alltagsgeschichte mit all ihren "Durchschnittsfiguren" (neben Urs, dem Dorfarzt, spielen noch dessen abgehalfterter Bruder sowie Urs‘ Arzthelferin eine Rolle) dennoch mitreißt und so gut funktioniert, ist neben dem ehrlichen, unaufgeregten Spiel der Darsteller in erster Linie der exzellenten Kameraarbeit von Patrick Orth zu verdanken. Der erfahrene Kameramann nimmt sich Zeit für seine Beobachtungen, lässt lange Einstellungen für sich sprechen und rückt die (ausdrucksstarken) Gesichter der Protagonisten ins rechte Licht. Der Antrieb der Geschichte ist dabei zweifelsfrei die Verzweiflung jener Protagonisten beim Kampf um ihr persönliches Lebensglück.

Dieses Glück sieht für jeden anders aus. Mario zum Beispiel, der als Fußballtrainer im Dorf fest verankert ist und sich dort sehr wohl fühlt, sehnt sich nach Beständigkeit und einer eigenen Familie. Am liebsten würde er mit Jette acht Kinder kriegen und im Dorf sesshaft werden. Urs hingegen hat den Absprung nie geschafft: Insgeheim verabscheut er das Leben in der Einöde und die Engstirnigkeit der Leute. All das, was ihm selbst verwehrt blieb, projiziert er auf und erhofft er sich für seine Tochter. Die zwischen Urs und Mario entstehenden Reibungspunkte werden akkurat herausgearbeitet und schlüssig begründet.

Fazit: Mit fein austariertem Blick eingefangene, aus den individuellen Erfahrungen der Filmemacher gespeiste, kleine Geschichte über gegensätzliche Erwartungen und Lebensträume.




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