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Das Kapital im 21. Jahrhundert
Das Kapital im 21. Jahrhundert
© Studiocanal

Kritik: Das Kapital im 21. Jahrhundert (2019)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Der Dokumentarfilmer Justin Pemberton widmet sich den Thesen des französischen Wirtschaftswissenschaftlers Thomas Piketty, die dieser in seinem gleichnamigen Bestseller aus dem Jahr 2014 darlegte. Piketty ist in dieser dokumentarischen Buchverfilmung, an der er mitwirkte, auch der zentrale Gesprächspartner vor der Kamera. In einem großen historischen Bogen, der vor der industriellen Revolution beginnt und zur Gegenwart führt, wird die Entwicklung der westlichen Marktwirtschaft geschildert und die mit ihr einhergehende Verteilung von Wohlstand und Macht in der Gesellschaft. Der soziale Fortschritt ist, wie Piketty argumentiert, längst wieder in Gefahr, denn die Mittelschicht hat immer weniger Einfluss auf das große Kapital und droht zu verarmen.

Der Film präsentiert seine weit ausholende Wirtschafts- und Sozialgeschichte mit viel Archivmaterial, aus Wochenschauen, Spielfilmen, Nachrichtensendungen. Die begleitenden Kommentare liefern Wissenschaftler und Analysten. Der Filmtitel führt insofern in die Irre, als es sich über weite Strecken um einen filmischen Vortrag über das Kapital im 20. Jahrhundert handelt. So unterschiedliche Dinge wie die Mode als neuer Wirtschaftsfaktor Anfang des 20. Jahrhunderts, die großen Wirtschaftskrisen, die Gewerkschaften, der Aufschwung, den die Rüstungsindustrie vor dem Zweiten Weltkrieg brachte, die Politik von Margaret Thatcher und Ronald Reagan werden erwähnt.

Wie sehr die Menschen dazu neigen, soziale Ungleichheit als eine Folge individuellen Geschicks oder Versagens zu betrachten, wird an einem eindrucksvollen psychologischen Spiel-Experiment geschildert. Die Spieler, die durch Zufall mehr besaßen und andere ausnehmen konnten, glaubten, sie seien besser als ihre Mitspieler. Die Verknüpfung des Themas Wirtschaft mit anderen Bereichen wie Politik, Soziologie und Psychologie macht den Reiz dieses Films aus. Historische Parallelen werden sichtbar, Denkgewohnheiten lassen sich hinterfragen. Das geschieht nicht so sehr mit dem Anspruch, in der Entwicklung des Kapitalismus eine Linearität oder grundlegende Logik zu finden, als Thesen für das Gespräch über die Aufgabe der Politik in der Gegenwart zu sammeln. Wer allerdings vor allem etwas über die Macht der Banken und der Finanzmärkte erfahren will, wird hier eher enttäuscht.

Fazit: Justin Pemberton präsentiert einen Film zum gleichnamigen Bestseller des französischen Wirtschaftswissenschaftlers Thomas Piketty. Der Buchautor referiert auch vor der Kamera, flankiert von anderen Experten, seine Thesen von der entfesselten Macht des Kapitalismus und der drohenden Verarmung der Mittelschicht. Der Film bietet einen geschichtlichen Abriss von der Französischen Revolution bis zur Gegenwart, um die Beziehung von Wirtschaft und sozialem Fortschritt zu beleuchten. Die fachübergreifende Betrachtung, die Geschichte, Politik und Kultur einbezieht, liefert anregenden Diskussionsstoff, bleibt aber gerade in Bezug auf die Macht der Finanzmärkte oberflächlich.




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