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Barstow, California
Barstow, California
© JIP Film und Verleih

Kritik: Barstow, California (2018)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Seit den mittleren 70er-Jahren arbeitet Regisseur Rainer Komers als Filmemacher und Kameramann. Die Produktionen, an denen er mitarbeitete, wurden im Laufe der Jahre unter anderem von 3Sat, Arte, dem HR sowie dem WDR gesendet. Darüber hinaus inszenierte er eigene Dokufilme, darunter "Over the roads, over the river" (2014) und "Ruhr Records", ebenfalls 2014 entstanden.

"Barstow, California" zeichnet sich durch ein ganz und gar unkonventionelles Konzept aus. Ungewöhnlich ist zunächst, dass der Porträtierte nicht ein einziges Mal selbst im Bild zu sehen ist. Lediglich seine eindringliche Stimme ist zu hören. So entsteht einerseits eine gewisse Distanz zur wichtigsten Person. Durch die vorgetragenen, sehr persönlichen Passagen aus dessen niedergeschriebenen Lebenserinnerungen entsteht allerdings zur gleichen Zeit eine große Nähe. Stellvertretend für Spoon, der über ein beachtliches Sprachgefühl und eine bemerkenswerte Ausdrucksfähigkeit verfügt, erkunden zwei seiner Brüder die Orte der Kindheit.

Dabei sind es vor allem Spoons Texte, die einen nachhaltigen, authentischen Eindruck der prägenden Ereignisse im Leben der jungen Männer (Spoon ist der Zweitjüngste in der Brüder-Schar) vermitteln. Von den Prügelattacken des Vaters, dem entbehrungsreichen Großfamilien-Dasein in Armut, dem nächtlichen Fangenspielen inmitten der kargen Wüstenlandschaft, dem durchdringenden Rattern und Kreischen der Nacht für Nacht in direkter Nähe vorbeirollenden, schweren Güterzüge.

Wie dies für Spoon geklungen haben muss, macht "Barstow, California" auf realistische, wahrhaftige Weise deutlich. Denn Komers ist ein Meister darin, Geräuschquellen sowie -kulissen (etwa jenen gleichartigen Rhythmus der Züge) unmittelbar einzufangen und sie mit seiner filmischen Erzählung sowie den Bildern passend und stimmig zu verschränken. Überhaupt ist die Doku ein Film der Töne, Klänge und Geräusche. Das wird bereits zu Beginn deutlich, wenn – bei schwarzer Leinwand – nur eine zufallende (Gefängnis-)Eisentür zu hören ist und zieht sich in der Folge durch das gesamte Werk. Etwa beim Surren der entlang der ausgetrockneten Palmen fliegenden Mücken oder durch das leise Pfeifen des Wüstenwinds.

Fazit: Alle Sinne ansprechende, poetische Hybrid-Doku über eine karge, unwirtliche Natur und einen auf die schiefe Bahn geratenen, lyrisch begabten Mann, der seit über 40 Jahren in Hochsicherheitsgefängnissen seine lebenslange Haftstrafe verbüßt.




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