oder
Die Kandidaten
Die Kandidaten
© www.nachtschwaermerfilm.de

Kritik: Die Kandidaten (2019)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Oft ist von Politikverdrossenheit die Rede und davon, dass sich viele junge Menschen kaum mehr für Politik interessieren. Wie anstrengend politische Arbeit sein kann, zeigt sich spätestens, wenn wieder Wahlkampf ist. Dann müssen die Kandidaten der verschiedenen Parteien auf die Straße gehen und das Gespräch mit den Bürgern, um deren Stimmen sie werben, suchen. Besonders für Nachwuchspolitiker, die noch keinen prominenten Namen besitzen, ist es wichtig, sich bei den Menschen in ihrem Wahlkreis bekannt zu machen und sich um deren Vertrauen zu bemühen. Die sechs Jungpolitiker aus Rheinland-Pfalz, die der Dokumentarfilmer Michael Schwarz während des Bundestagswahlkampfs 2017 begleitet, widersprechen dem Klischee, dass sich junge Leute nicht mehr parteipolitisch engagieren wollen.

Drei der Kandidaten sind zwar mit Mitte 30 nicht mehr ganz so jung, aber zumindest noch keine alten Hasen. Allerdings merkt man Jan Metzler und Thomas Hitschler an, dass sie bereits Erfahrung besitzen und sich zugleich gute Chancen ausrechnen dürfen, wiedergewählt zu werden. Sie wirken routiniert. Der eine setzt auf seinen Dialekt, um Heimatverbundenheit zu demonstrieren und drückt Geschäftsleuten bei einem persönlichen Besuch seine Visitenkarte in die Hand. Sie sollen sich melden, wenn sie mal ein Problem haben. Der andere grillt Würste und wechselt gutgelaunt ein paar Worte mit den Abnehmern. Die Grünen-Kandidatin Misbah Khan verteilt mit ihrer Truppe Flickzeug an Radfahrer, das kleine Geschenk kommt gut an. Als hingegen der AfD-Kandidat Leute auf der Straße anspricht, erfährt er nicht nur einmal deutliche Ablehnung.

Freundlichkeit ist Pflicht, auch als Antwort auf negative Reaktionen. Die Parteien schulen und unterstützen die Wahlkreiskandidaten. So erfahren diese, dass kurze Gespräche an der Haustür nicht dazu dienen, überzeugte Wähler anderer Parteien umzustimmen. Überhaupt bleiben die Politiker in ihren Äußerungen gerne allgemein und bekunden vor allem den Willen, sich für die Bürger einzusetzen.

Der Dokumentarfilm zeigt gut, wie mühsam und kräftezehrend so ein Wahlkampf vor Ort ist, wie viel Zuversicht er jedem Kandidaten abverlangt. Aber die filmische Beobachtung hätte mehr Vertiefung und eine bessere Strukturierung vertragen können. Es wäre interessant gewesen, zu erfahren, was die Kandidaten individuell am meisten herausfordert, ob sie im Wahlkampf etwas lernen und welche politischen Ideen sie richtig begeistern können.

Fazit: Der Dokumentarfilm von Michael Schwarz begleitet sechs Jungpolitiker, die 2017 für den Bundestag kandidieren und in Rheinland-Pfalz Wahlkampf machen. Die Kandidaten, die verschiedenen Parteien angehören, suchen unermüdlich den Kontakt mit den Bürgern vor Ort, werben um Zustimmung und stecken ablehnende Reaktionen weg. Mit ihrem persönlichen Engagement stemmen sie sich auch der oft beklagten Politikverdrossenheit entgegen. Der Film zeigt, wie anstrengend ein Wahlkampf vor Ort ist, fühlt den einzelnen Protagonisten jedoch zu wenig auf den Zahn.




Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.