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Lebe schon lange hier
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© Partisan Filmverleih

Kritik: Lebe schon lange hier (2019)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 2 / 5

Das Treiben in einer Großstadt lässt sich auch gut aus dem Fenster einer Wohnung beobachten. Der Filmemacher Sobo Swobodnik ("Silentium", "Therapie für Gangster") hat das über ein Jahr lang getan. Er filmte die Straßenkreuzung vor seinem Fenster im Berliner Viertel Prenzlauer Berg. Wenn von einem beobachtenden Dokumentarfilm über Berlin die Rede ist, denkt man sofort an Walther Ruttmanns Stummfilmklassiker "Berlin - Die Sinfonie der Großstadt" von 1927. Auch Swobodniks Film nimmt Bezug auf dieses Werk. So ist er ebenfalls in Schwarzweiß gedreht. Und es gibt eine Filmmusik, die das Geschehen mit unterschiedlichen Stimmungen und Klangfarben kommentiert.

So wie einst Ruttmann setzt auch Swobodnik gerne Zeitraffer ein. Aber viel passiert ja nicht gerade auf dieser Kreuzung. Es spricht sicher nichts dagegen, einen Dokumentarfilm aus einem Fenster zu drehen, aber dann sollte man den Standort auch so auswählen, dass man einiges zu sehen bekommt. Hier sind außer den Häuserzeilen in erster Linie noch die parkenden Autos im Bild. Sie stehen immer da. Radfahrer, auch Passanten gibt es, aber nicht immer. Richtig belebt ist diese Ecke nicht, der normale Anwohner lässt sich kaum blicken. Ein Mann schaut aus dem Fenster gegenüber, ein anderer legt des öfteren etwas unter einem Auto ab, und wenn die Kamera ihm folgt, bekommt der Film kurz etwas Detektivisches wie Hitchcocks "Das Fenster zum Hof". Dann wieder gehen junge Frauen mit Pappbechern in der Hand vorbei. Mal kommt die Straßenreinigung, mal eine Warenlieferung, mal versucht ein Lastwagen mit Anhänger, sich rückwärts einen Weg zu bahnen.

Vielfältiger als diese Eindrücke ist da schon die Musik von Till Mertens. Man hört Klavier und andere Instrumente in einer großen stilistischen Bandbreite, wobei anregende, heitere Klänge dominieren. Es gibt auch kleine gestellte Szenen, etwa die mit der Braut in Weiß, die sich nach dem Feiern übergibt. Und die Kamera verlässt auch mal die Wohnung und nimmt einen Straßenmusiker, einen Mann mit Tiermaske aus der Nähe ins Visier.

Auch Ruttmanns Film war ja nicht rein beobachtend, sondern eine subjektive Komposition aus Bildern und Tönen. Swobodnik macht etwas Ähnliches, indem er die Beobachtungen nicht nur mit Musik anreichert, sondern auch mit Tönen aus der Wohnung und mit einem von Clemens Schick gesprochenen Voice-Over-Kommentar. Da geht es schon mal ironisch oder poetisch zu, wie in einem persönlichen Notiz- und Tagebuch.

Fazit: Der Dokumentarfilm von Sobo Swobodnik nimmt über ein Jahr lang eine Berliner Kreuzung vor dem Fenster seiner Wohnung ins Visier. Weil sich da aber nicht wirklich viel tut und mehr Autos als Fußgänger die Szene beherrschen, sollen auch Geräusche aus der Wohnung des Betrachters das Interesse schüren, im Wechsel mit einem eingesprochenen Text voller weiterer Eindrücke und Gedanken. Die Tonspur und dabei insbesondere die Filmmusik erweisen sich als vielfältiger als das wenig ergiebige Bildmaterial.






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