VG-Wort
Die Domain Spielfilm.de verwendet Cookies für funktionale und analytische Zwecke. Durch die Nutzung unserer Seite erklärst Du Dich damit einverstanden. Weitere Cookie-Informationen findest Du hier.

Ok, einverstanden!

oder

Kritik: Bis dann, mein Sohn (2019)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 5 / 5

Wang Xiaoshuai hat sich viel vorgenommen. Der 1966 in Shanghai geborene Drehbuchautor und Regisseur will mit einer Heimat-Trilogie den Wandel in der chinesischen Gesellschaft nachzeichnen. Ein monumentales Projekt, dessen erster Versuch stante pede ein großer Wurf geworden ist. Wangs epochales Drama, das im Wettbewerb der 69. Berlinale lief, spannt einen schillernden Bogen von den späten 1970ern bis in die frühen 2010er-Jahre. Am Beispiel eines Arbeiterpaars erzählt Wang die politischen, ökonomischen und sozialen Veränderungen gleich mit.

Technisch bewegt sich diese feinsinnige Familienchronik auf überschaubarem Terrain. Die oft schwebenden Einstellungen sind schön, aber nicht brillant. Die Musik, die eine chinesische Variante des englischsprachigen Volkslieds "Auld Lang Syne" variiert, und die Montage sind zurückhaltend. Das eigentliche Pfund, mit dem dieses mehr als dreistündige Epos wuchern kann, sind die zwei Hauptdarsteller und die nonlineare Erzählweise.

Wang jongliert scheinbar mühelos mit den Zeitebenen. Geschickt enthält er seinem Publikum entscheidende Details lange vor, die bei ihrer späten Enthüllung umso unvermittelter einschlagen. Während die einen aufsteigen, steigen die anderen ab. Das Private spiegelt stets das Politische und umgekehrt. In den Lebenswegen der Paare, vornehmlich in dem von Liyun (Yong Mei) und Yaojun (Wang Jingchun), auf die sich die Handlung konzentriert, schimmern die Nachwehen der Kulturrevolution, die Härte der Ein-Kind-Politik und die Chancen und Risiken des Turbo-Kapitalismus durch.

Yong Mei und Wang Jingchun spielen dieses einander so vertraute Paar, das sich blind versteht, ganz wunderbar und leise. Dafür haben sie bei der Berlinale jeweils einen Silbernen Bären erhalten. Ihre Geschichte handelt auf vielfältige Weise vom Verhältnis von Eltern zu ihren Kindern, von Müttern, Vätern und Söhnen, von Schuld und Vergebung. Trotz aller Schicksalsschläge werden diese beiden nie nachtragend, rachsüchtig oder verbittert. Am Ende überwiegt die Freundschaft über den Schmerz. Ein zutiefst menschliches Epos über private, politische, ökonomische und soziale Verwundungen.

Fazit: Gleich mit dem Auftaktfilm seiner angekündigten Heimat-Trilogie ist Wang Xiaoshuai ein großer Wurf gelungen. Sein mehr als dreistündiges Drama reißt jede Minute lang mit. Am Beispiel eines Arbeiterpaars erzählt er den Wandel der chinesischen Gesellschaft. Eine feinfühlige Familienchronik über private, politische, ökonomische und soziale Verwundungen mit zwei erstklassigen Hauptdarstellern.




Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.