VG-Wort

oder

FBW-Bewertung: Alles außer gewöhnlich (2019)

Prädikat besonders wertvoll

Jurybegründung: Die erfolgreichste Form, Sozialarbeit im Kino darzustellen, ist das so genannte Feelgoodmovie, in dem Problemlagen mit schwer erziehbaren, kranken oder alten Menschen zwar vorkommen, aber zugleich mit Humor behandelt und gemeistert werden. Im Fall von ALLES AUSSER GEWÖHNLICH legt die Jury Wert darauf, diesen berührenden, aufwühlenden und zugleich gute Laune machenden Film trotzdem nicht als Feelgoodmovie zu bezeichnen. Die Regisseure Olivier Nakache und Éric Toledano schildern die wahren Fälle, um die es in ihrem Film geht, mit einem Respekt und einer Sensibilität gegenüber ihren Protagonisten, die über das Feelgood-Genre hinausweist; ihr Film ist auf eine Weise zugleich unterhaltend und aufklärend, die man im Kino tatsächlich nur selten erlebt.
Im Zentrum des Film steht Bruno (Vincent Cassel), der seine ganze Energie, ja sein ganzes Leben, darauf verwendet, jener Sorte psychisch kranker und lernbehinderter Menschen zu helfen, die sonst nirgendwo mehr unterkommen: hochaggressive Jugendliche mit Asperger Syndrom, erwachsene Menschen mit Ticks und Anfällen, mit denen keine Institution mehr zurechtkommt und mit deren Betreuung jedes familiäre Umfeld völlig überfordert ist. In unermüdlicher Kleinstarbeit sammelt Bruno Unterstützer, Förderer und Mitarbeiter, während er immer noch mehr verzweifelten Müttern und Vätern am Telefon Hilfe fürihre Sorgenkinder verspricht. Ihm und seiner Organisation fehlt es aber nicht nur an Platz und Geld, sondern vor allem an einem: einer offiziellen Genehmigung, einer Zertifizierung. Die Untersuchung durch die zuständige Sozial-Behörde wird schließlich zum Roten Faden des Films: Zwei Inspektorenlassen sich die Arbeit von Bruno und seinem kleinen, improvisierten Verein erklären, während drum herum immer wieder Unvorhergesehenes passiert, Not am Mann ist und eingesprungen werden muss. Bruno arbeitet eng mit der Organisation von Malik (Reda Kateb) zusammen, der Jugendliche von der Straße holt, um sie bei Erwerben eines Schulabschluss zu unterstützen. Seine Jugendlichen arbeiten als Betreuer für die schweren Fälle von Bruno ? eine Kombination, die einerseits sehr fruchtbar sein kann, andererseits aber nicht ohne Risiken ist, wie der Film unverhohlen zeigt.
So viele Dinge spielen auf gelungene Weise hier zusammen, dass es der Jury fast schwer fiel, einzelne Aspekte herauszuheben. Nicht nur die Darsteller sind herausragend in ihrem zugleich charismatischen wie angenehm zurückhaltenden Spiel, auch das Drehbuch besticht mit seinem Detailreichtum, das zum Beispiel die einträchtige Zusammenarbeit verschiedener religiöser Gemeinschaften völlig beiläufig zeigt ? Bruno ist gläubiger Jude, unter seinen Angestellten und Förderern sind sowohl Muslime als auch Juden und Katholiken vertreten. Über die Schwere der Betreuungsarbeit wird nicht leichtfüßig hinweggegangen, vielmehr wird die Arbeit als nie endendes Provisorium dargestellt, bei der sich lediglich Etappenerfolge feiern lassen, nie ein echtes Happyend. ?Wir sind fast da? ? dieser Spruch bildet zusammen mit ?Wir werden eine Lösung finden? Brunos Leitmotiv und taugt zum Credo aller Sozialarbeit.
Seinen mitreißenden Humor erreicht der Film durch Understatement und trockenen Witz, wie etwa durch die Verkupplungsversuche, die der ledige Bruno als eine Art ?running gag? über sich ergehen lassen muss. Besonders lobt die Jury den sorgfältigen Umgang des Films mit seinen lernbehinderten Protagonisten, die zum Teil von Laien und Betroffenen dargestellt werden: Weder werden sie für emotionale oder dramatische Effekte ausgebeutet oder gar ausgestellt, noch lässt man sie in irgendeiner Weise ?komisch? aussehen. Die Kamera befindet sich sozusagen stets auf Höhe seiner Protagonisten, während dasSounddesign den Zuschauer ab und an auch in die Lage der in Panik geratenden Patienten versetzt. Dabei gelingt es dem Film, seine vielen disparaten Aspekte zu einer filmischen Einheit zusammenzuführen, die man für ihre Kombination von erhellender Sozialkritik und Kurzweiligkeit nur bewundern kann.



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