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Kritik: Berlin, Berlin - Der Film (2019)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Die Nostalgie lässt derzeit die Kassen klingeln. Zum einen schwimmen unzählige Fernsehserien und Filme auf einer Retro-Charme-Welle. Zum anderen werden Filmreihen und Serien Jahrzehnte nach ihrem Ende neu aufgewärmt, in den USA etwa "Jurassic Park" als Jurassic World", "Full House" als "Fuller House" oder "Roseanne" (nach Roseanne Barrs unrühmlichem Abgang) als "Die Conners". Und auch hierzulande erfüllen sich jetzt Fanwünsche.

Die von David Safier erdachte Serie "Berlin, Berlin" startete im März 2002 in der ARD. Sie war schnell, bunt und frech, entsprach dem Lebensgefühl der Millennials zur Jahrtausendwende und erlangte Kultstatus. 2005 war nach vier Staffeln Schluss. Seither wurden immer wieder Rufe nach einer Fortsetzung laut. Comics und Romane hatte es bereits gegeben. Am 19. März 2020 sollte schließlich der lang ersehnte Kinofilm folgen, doch das Coronavirus machte dem Start einen Strich durch die Rechnung. Stattdessen ist Lolles turbulentes Leben nun exklusiv bei Netflix verfügbar.

Im Alltag von Carlotta "Lolle" Holzmann (Felicitas Woll) hat sich einiges geändert. Sie hat es von der Comiczeichnerin zur Inhaberin eines Animationsstudios gebracht. Und auch privat scheint sie mit ihrem besten Freund Hart (Matthias Klimsa) endlich angekommen zu sein. Doch dann kommt alles anders und aus einer Hauptstadt-Komödie wird ein Road Movie mit zahlreichen Cameos, Gastauftritten und Anspielungen.

Die Drehbuchautoren David und Ben Safier erzählen eine Geschichte übers Älterwerden und holen ihr Zielpublikum ab. Wie Lolle, Hart und Sven (Jan Sosniok) dürften sich viele Mitglieder der Generation Y, die beim Serienstart am Beginn ihres Studiums oder Berufslebens standen, knapp zwanzig Jahre später fragen, wo sie heute stehen und ob sie dort richtig sind. Für die jüngere Generation hat sich das Drehbuchgespann die von Janina Uhse gespielte Dana ausgedacht, die all das verkörpert, was Lolle einmal war und vielleicht immer noch ist.

Franziska Meyer Price ("Männerhort"), die schon bei der Serie Regie führte und seither weitere Komödienerfahrung gesammelt hat, setzt das schwungvoll in Szene. Tempo und Gagdichte sind hoch, die Laufzeit ist kurz. Felicitas Woll und Janina Uhse ergänzen sich prächtig und spielen mühelos über manche Drehbuchschwäche während ihres Roadtrips hinweg, der weniger auf Logik setzt, sondern vorwiegend dazu dient, skurrile Situationen inklusive alter Bekannter aneinanderzureihen.

Was der Kinoversion allerdings abgeht, ist die belebende Frische, die von der Serie seinerzeit ausging. Was 2002 aufregend und neu wirkte, etwa die eingeschobenen Zeichentricksequenzen, die das Geschehen wortlos kommentierten, wirkt 2020 ein wenig altbacken. Zwar spielt der Film durchaus mit seiner Form, beispielsweise mit der Raum- und Zeitwahrnehmung in Splitscreens. Innovativ ist all das aber nicht.

Ob der Kinofilm auch ein neues Publikum finden und für die alte Serie, die zeitgleich auf Netflix startet, begeistern wird, bleibt abzuwarten. Alte Fans kommen zumindest auf ihre Kosten. Ein witziges Wiedersehen, das einen Abend lang nett unterhält, aber auch nicht lange nachhallt.

Fazit: "Berlin, Berlin – Der Film" ist zwar nicht annähernd so innovativ wie die Kultserie, auf der er beruht. Dafür bietet diese Komödie ein kurzweiliges, witziges und nostalgisches Wiedersehen mit lieb gewonnenen Figuren und schrägen Charakteren. Eine nette Unterhaltung voller skurriler Situationen, flott inszeniert und gut gespielt.




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