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Kritik: Wild Rose (2019)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Die hiesige Filmbranche behandelt den Musikfilm ziemlich stiefmütterlich. Ein Drama wie Andreas Dresens "Gundermann" (2018) ist eher die Ausnahme als die Regel, hat mit seinen Brüdern und Schwestern von den Britischen Inseln aber einiges gemein. Auch die Iren, Engländer und Schotten mischen gern Musik und Politik, Tragik und Komik, Ambition und Arbeiterklasse, Rhythmus und Randständigkeit. Dem Kinopublikum hat das in den vergangenen Jahrzehnten Musikfilme wie "The Commitments" (1991), "Brassed Off" (1996), "Little Voice" (1998), "Once" (2007), "Sing Street" (2016), "Fisherman's Friends" (2019) oder "Blinded by the Light" (2019) beschert. "Wild Rose" setzt auf die gleichen Zutaten.

Regisseur Tom Harper, der derzeit mit der Streaming-Serie "The Aeronauts" schwindelerregende Höhen erklimmt, erzählt eine ungemein geerdete Geschichte. Seine Protagonistin durchlebt und durchleidet ihren Alltag mit bodenständigem Humor, ungenierter Sprache, breitem Dialekt und jeder Menge Leidenschaft. Rose-Lynn trägt ihr Herz auf der Zunge und sammelt damit ordentlich Sympathie-Punkte beim Publikum.

Ein weiterer dicker Pluspunkt ist Nicole Taylors Drehbuch, das nicht immer den erwartbaren Weg wählt. Taylor erzählt ihre Geschichte nicht als klassische Underdogstory mit schnellem Aufstieg, tiefem Fall und erneutem Wiederaufstieg. Stattdessen fokussiert sich die Handlung auf Rose-Lynns Privatleben, auf ihre Beziehung zu ihren Kindern, zu ihrer Mutter und ihrer ihr freundschaftlich verbundenen Arbeitgeberin. Im Zusammenspiel des harmonierenden Ensembles ergibt sich daraus ein äußerst authentischer Ton. Ebenso glaubhaft wie dramaturgisch ungewöhnlich ist Rose-Lynns kleiner Ausflug nach Nashville, der (eigentlich viel zu spät in der Handlung platziert) zu exakt den richtigen Erkenntnissen führt.

Ein guter Musikfilm steht und fällt mit seinen Schauspielern. Beherrschen sie ihre Instrumente? Können sie singen (oder zumindest glaubhaft so tun, als ob)? Für seinen vierten Kinofilm hätte Harper gar keine bessere Besetzung als Newcomerin Jessie Buckley finden können. Die gebürtige Irin, die mit Rollen in "Chernobyl", "Judy" (2020) und "Dolittle" (2020) international gerade richtig durchstartet, bekommt nicht nur einen schottischen Akzent perfekt hin. Buckley begann ihre Berufslaufbahn als Sängerin und erzeugt mit ihrer tieftraurigen Stimme mehr als einmal Gänsehaut. Als mitfühlende Mutter und an sich selbst verzweifelnde Musikerin ist sie eine Naturgewalt.

Fazit: "Wild Rose" vereint die von britischen Musikfilmen gewohnten Zutaten zu einem charmanten und bewegenden Drama über eine Sängerin zwischen Kindern und Karriere. Newcomerin Jessie Buckley ist eine Wucht in einem Film, der erzählerisch mitunter ungewohnte Wege geht.




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