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Kritik: All I Never Wanted (2019)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Annika Blendl und Leonie Stade haben sich während ihres Studiums der Dokumentarfilmregie kennengelernt. Seit 2013 machen sie gemeinsam Filme. In ihrem jüngsten, ihrem ersten Spielfilm, verwischen sie geschickt die Grenzen zwischen Fiktion und Realität. Die Handlung basiert auf eigenen Erfahrungen. Blendl ist selbst Schauspielerin, Stade war als Model tätig. Als Dokumentarfilmregisseurinnen spielen sich mehr oder minder selbst. Auch Blendls ältere Schwester Mareile, ebenfalls Schauspielerin, und das Model Lida Freudenreich verkörpern erzählerisch erweiterte Varianten ihrer Selbst.

Die Mischung aus inszenierten Sequenzen und realen Situationen, in die die Schauspieler zum Teil geworfen werden, erzeugen einen faszinierenden Sog. Das Regieduo geht durchaus kritisch und selbstironisch mit sich und der eigenen Arbeit ins Gericht. Durch diese permanente Spiegelung und Selbstbefragung hinterfragt auch das Kinopublikum sein Verständnis von Realität, (medialer) Wahrnehmung und (Selbst)Repräsentation. Was ist echt, was gespielt, was improvisiert? Und was ist erschreckender, ein erfundenes oder das wahre Leben?

Dieser Hybrid kreist um die Themen Selbstwahrnehmung, Selbstdarstellung und Selbstoptimierung, was freilich nie ohne Fremdwahrnehmung, Selbstsucht und Selbstausbeutung funktioniert. Die Realität ist dabei oftmals erschreckender als das Erdachte, etwa wenn das von Freudenreich gespielte, spindeldürre Model Nina in Mailand beim Maßnehmen neben echten, noch viel dünneren und unkenntlich gemachten Konkurrentinnen steht. Aber auch in der Fiktion glücken simple, aber erhellende Erkenntnisse, etwa, dass in Film, Fernsehen und Theater auch nach der #MeToo-Debatte nicht die Nacktszene an sich das Problem ist, sondern deren Sinn und Zweck.

Blendl und Stade teilen ordentlich aus. Sie entlarven die Film- und Fernsehbranche als schizophrene Anstalt, das Regietheater als puren Egotrip Pseudointellektueller und die Modebranche als menschenverachtende Profitmaschine. Allerorten hohle Phrasen. Dabei kommt diesem amüsanten, mitunter wilden Ritt allerdings etwas der Fokus abhanden. Zwischen Laufsteg, Bühne und Filmkamera, zwischen Instagram-Abhängigkeit, Machtmissbrauch und Schönheitswahn schwirrt dieser Mix etwas ziellos umher.

Fazit: "All I Never Wanted" ist ein bitterböser, aber auch selbstironischer Blick auf die Film-, Fernseh-, Theater- und Modebranche. Dieser Hybrid aus Spiel- und Dokumentarfilm, der um die Themen Selbstwahrnehmung, Selbstdarstellung und Selbstoptimierung kreist, stellt kritische Fragen an unsere (mediale) Gegenwart, bleibt dabei aber auch ein wenig ziellos.




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