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Kritik: Romys Salon (2019)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Gute Kinderfilme schrecken auch vor schwierigen Themen wie Krankheit und Tod nicht zurück. Doch wie diese in Szene setzen? Mischa Kamps leises Familiendrama ist nicht das erste, das eine Alzheimererkrankung der Großelterngeneration in den Mittelpunkt der Handlung rückt. Als einer der erfolgreichsten deutschen Filme der vergangenen Jahre drängt sich Til Schweigers "Honig im Kopf" (2014) als Vergleich förmlich auf. Obwohl sich die Handlungen ähneln, könnten die zwei Filme kaum unterschiedlicher sein.

"Romys Salon" beruht auf Tamara Bos' gleichnamigem Roman, den die niederländische Autorin selbst als Drehbuch adaptiert hat. Vorlage wie Verfilmung erzählen ihre Geschichte durch die Augen einer Zehnjährigen. Retrospektiv streut die kleine Romy die Erlebnisse mit ihrer Großmutter aus dem Off ein. Ihr unschuldiger Blick mildert die Krankheit für das Kinopublikum ab. Denn wie so viele Filme über Demenz spart auch "Romys Salon" deren schlimmste Folgen aus. Davon abgesehen, packen Kamp und Bos ihr Thema ausgesprochen realistisch und für einen Kinderfilm geradezu nüchtern an.

Wo Schweiger auf warme Farben und sein seit "Keinohrhasen" (2007) bewährtes Setting setzt, das mehr einem Einrichtungskatalog denn dem echten Leben gleicht, setzt Kamp auf kühle Farben und glaubwürdige Verhältnisse. Ihre Figuren wohnen ihren Gehältern entsprechend bescheiden. Eine Pflege zu Hause kommt schon allein aufgrund des zu geringen Wohnraums für Romys Mutter Margot nicht infrage. Ganz abgesehen davon, dass sie sich das als Alleinerziehende weder zeitlich noch finanziell leisten kann.

Wo Schweiger auf Slapstick und Rührseligkeit setzt, setzt Kamp auf Liebe zu und auf Nächstenliebe zwischen ihren Figuren, ohne dabei sentimental zu werden. In dieser Familie ist nicht alles Friede, Freude, Eierkuchen. Ihre Mitglieder geraten immer wieder an ihre Grenzen. Vor allem aber nutzt die Filmemacherin die Erkrankung nicht für platte Gags und große Schauwerte. Stattdessen inszeniert sie kleine, liebevolle Momente zwischen einer Großmutter, die spät im Leben ihre Zuneigung zu ihren Mitmenschen entdeckt.

Fazit: Mischa Kamp hat Tamara Bos' Roman nach Bos' eigenem Drehbuch verfilmt. Herausgekommen ist ein unaufgeregter Familienfilm, der sich eines ernsten Themas annimmt, es kindgerecht verarbeitet und berührt, ohne rührselig zu sein.




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