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Kritik: End of the Century (2019)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Dieser Debüt-Spielfilm des argentinischen Regisseurs und Drehbuchautors Lucio Castro ist ein romantisches Gay-Drama, das die Fantasie der Zuschauer beflügelt. Der Dichter Ocho begegnet im Urlaub in Barcelona zufällig dem Mann wieder, mit dem er vor 20 Jahren eine kurze Affäre hatte. Die in drei Akte unterteilte Filmhandlung springt zwischen den Zeiten und entwickelt im späteren Verlauf eine Alternative zur Realität. Für die Zuschauer ist es eine Herausforderung, sich auf die verblüffenden Brüche im Erzählfluss einen Reim zu machen.

Die erste Überraschung erfolgt im zweiten Akt, mit der Rückblende zur 20 Jahre zurückliegenden ersten Begegnung von Ocho und Javi. Es ist das Jahr 1999, auf das der Titel anspielt. Wieder spaziert Ocho als Tourist durch die Straßen, hat ein sexuelles Erlebnis in einem Garten mit einem Fremden und wird daraufhin krank. Die Angst vor Aids grassiert und erfasst ihn jäh. Ocho weilt damals zu Besuch bei Sonia. Ihr Freund Javi kümmert sich um ihn, will ihm am nächsten Tag die Stadt zeigen. Die beiden Männer schlendern durch die Straßen, kommen sich näher. Das T-Shirt, das Javi im ersten Teil des Films trägt, fällt ihnen aus einem Fenster vor die Füße, Ocho nimmt es mit. Immer, wenn man glaubt, einen Strang linearer Zusammenhänge entwirrt zu haben, bleibt ein Rest an Zweifeln. Könnte es auch sein, dass Ocho als Schriftsteller zumindest zum Teil Regisseur dieser Geschichte ist?

Das titelgebende Ende des 20. Jahrhunderts ruft Ängste hervor, wie Javi einmal sagt, der damals einen Dokumentarfilm über die Zeitenwende macht. Ein solcher Moment eignet sich auch gut dafür, Bilanz zu ziehen, darüber, wo man im Leben steht und wohin es gehen soll. Als sich Ocho und Javi in der Gegenwart wiedersehen, entsteht ein ähnlicher Moment. Ocho scheint sich zu fragen, ob er damals nicht lieber eine gemeinsame Zukunft mit Javi hätte aufbauen sollen.

Wie beiläufig entwickelt sich die Chemie zwischen Ocho und Javi bei ihren jeweiligen ersten Begegnungen. Mal unterhalten sich der ernste Ocho und der unbeschwerte Javi, mal tanzen sie, als sich ihre ersten Küsse spontan und unauffällig dazwischendrängen. Die Kamera wirkt statisch, ruhig, wie vom Sommer befriedet. Die Aufmerksamkeit der Betrachter richtet sich nach innen, auf die Gefühle des Schriftstellers Ochos, die sich als Wünsche und Fantasien einen Weg nach draußen bahnen. Der reizvolle Film zeigt, dass die Entscheidungen, die man im Leben trifft, so vieles andere aus dem Bewusstsein verdrängen.

Fazit: Zwei schwule Männer haben in Barcelona ein kurzes Liebesabenteuer. Sie erinnern sich, dass sie sich in dieser Stadt schon vor 20 Jahren begegnet sind. Wer sich auf dieses stimmungsvolle romantische Drama des argentinischen Regisseurs und Drehbuchautors Lucio Castro einlässt, kommt wie die Hauptcharaktere ins Nachdenken über die Weichen, die man im Leben stellt und später vielleicht bereut. Es macht Spaß, sich in die Chemie dieser so beiläufig wie verheißungsvoll scheinenden Beziehung zu vertiefen.




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