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Kritik: Ordinary Time (2018)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Auf der filmischen Langstrecke hatte sich Susana Nobre bislang noch nicht erprobt, dafür aber vier Kurz(spiel)filme und drei mittellange Dokumentarfilme gedreht. Und auch "Ordinary Time" ist keine Ausdauerübung. Mit 64 Minuten überschreitet Nobres Spielfilmdebüt die Definition eines Langfilms gerade einmal um vier Zeigerumdrehungen. Doch handelt es sich überhaupt um ein Drama?

Auf der offiziellen Homepage wird "Tempo Comum", wie dieses dichte Kammerspiel im Original heißt, als fiktionales Drama gelistet. Die große Faszination dieses Films speist sich allerdings nicht aus einer dramaturgisch zugespitzten Handlung oder gar aus dramatischen Ereignissen, sondern aus seinem schwer greifbaren Schwebezustand. Nobre beginnt ihre Erzählung wie einen Spielfilm, mit wohl komponierten Einstellungen, einer ordnenden Montage und Musik. Hauptdarstellerin Marta Lança wirkt vertraut, scheint aus anderen Filmen bekannt. Doch wie ihr Filmpartner Pedro Castanheira steht auch sie erstmals vor der Kamera. Nach und nach weicht das Gefühl, einer erfundenen Geschichte zuzusehen, dem Dokumentarischen, bis es am Ende nicht mehr eindeutig voneinander zu trennen ist.

Die Freunde und Nachbarn, die Marta und Pedro besuchen, wirken wie Laien, die Gespräche mit ihnen spontan und nicht geskriptet. Der dokumentarische Eindruck verstärkt sich durch Nobres Bildauswahl. Statt wie üblich in Spielfilmen zwischen den Gesprächspartnern hin und herzuschneiden, fokussiert sie sich ganz auf die Sprechenden. Spielen sich die Darsteller selbst? Spielen deren Eltern auch im Film ihre Eltern? Durchgeblätterte Fotoalben und die gleichen Nachnamen im Abspann legen das zumindest nahe. Sind Marta und Pedro, die auch im echten Leben diese Vornamen tragen, also auch im echten Leben ein Paar?

Diese Uneindeutigkeit ist leider spannender als das im Film Gezeigte beziehungsweise Erzählte. Als roter Faden ziehen sich unterschiedliche Erfahrungen mit dem Kinderkriegen, der Kindererziehung, mit Mutter- und Vaterschaft durch die kurzen 64 Minuten. Unterschiedliche Lebensentwürfe unterschiedlicher Generation werden verhandelt. Nobre sieht dem veränderten Alltag eines Paares nach der Geburt des ersten Kindes zu. Unaufgeregt, präzise, gewöhnlich. Nicht weniger, aber eben auch nicht mehr.

Fazit: In ihrem ersten langen Spielfilm blickt Susana Nobre mit dokumentarischer Präzision auf eine Mutter, ihr Neugeborenes und ihren Alltag. Das an Höhepunkten arme Drama bezieht seinen größten Reiz aus seinem Schwebezustand zwischen Fiktion und Realität. Nicht weniger, aber eben auch nicht mehr.




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