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Schönheit und Vergänglichkei
Schönheit und Vergänglichkei
© Real Fiction

Kritik: Schönheit und Vergänglichkeit (2019)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Der Dokumentarfilm von Annekatrin Hendel ("Familie Brasch") porträtiert den Berliner Fotografen Sven Marquardt. Zusammen mit zwei seiner Weggefährten aus dem Ostberlin der 1980er Jahre erinnert sich Marquardt an seine künstlerischen Wurzeln in der DDR und seine wilde Zeit als junger Punk. Dem damaligen Werk von Marquardt und von seinem Fotografen-Kollegen und Model Robert Paris stellt der Film die Gegenwart gegenüber. Wie haben sich die drei Freunde verändert, wie die Stadt? Marquardt ist nach einer Unterbrechung von 25 Jahren längst wieder fotografisch tätig, stellt seine künstlerischen Porträts aus, hält Seminare für Fotografiestudenten.

Marquardt gilt als eine Symbolfigur des Berliner Nachtlebens, denn seit Beginn des neuen Jahrhunderts ist er Türsteher im Technoclub "Berghain". Schon in dem Dokumentarfilm "Berlin Bouncer" von David Dietl wurde er mit zwei anderen Türstehern aus dem Berliner Nachtleben porträtiert. Annekatrin Hendel widmet sich hingegen allein dem Fotografen Marquardt. Ein zentrales Thema ihres Films gilt dem Werdegang des jungen Künstlers im letzten Jahrzehnt der DDR. Anhand seiner Fotos von damals sowie Filmausschnitten flippiger Ostberliner Modenschauen, die mehr dem modernen Begriff der Performance entsprechen, erzählt Marquardt vom Lebensgefühl als junger Punk in der DDR. Auch zu den Fotos von Robert Paris mit den atmosphärisch beeindruckenden Ansichten der alten, in einer Art Winterschlaf befindlichen Stadt kommentiert Marquardt. Mit seinen Freunden habe er sich wie auf Zeitreise gefühlt in diesen Milieus, die "Schönheit der Vergänglichkeit" empfunden. Diese Clique, die auf den Fotos zu sehen ist, war überhaupt nicht angepasst und widerspricht dem Klischee des erzwungenen DDR-Mitläufertums.

So unternimmt der Film selbst eine faszinierende Zeitreise in die ostdeutsche Geschichte Berlins. Man hätte sich gewünscht, dass sich Marquardt, Robert Paris und Dominique Hollenstein noch mehr, noch detaillierter über diese frühe Epoche ihres kreativen Lebens auslassen. Aber sie blicken selbst mit einer Art Nostalgie zurück, einer Verwunderung über den seither zurückgelegten Weg. Alle drei haben sich in verschiedene Richtung entwickelt und finden doch Berührungspunkte im Gespräch.

Fazit: Wenn von der avantgardistischen Kultur und der kreativ inspirierenden Atmosphäre Berlins die Rede ist, denkt kaum jemand an die Wurzeln aus der Ost-Vergangenheit der Stadt. Der Dokumentarfilm von Annekatrin Hendel blickt mit dem Fotografen Sven Marquardt und zwei seiner Jugendfreunde auf die Punkszene im Ostberlin der 1980er Jahre zurück. In ihr fanden die unangepassten jungen Künstler eine Form der Gegenkultur zum Establishment, die sie dazu beflügelte, sich die Stadt auf ihre Weise zu erobern. Im Rückblick setzen sich die drei Freunde auch mit der eigenen Veränderung auseinander und regen die Zuschauer zum Nachdenken an über das Wechselspiel von Alt und Neu im persönlichen und kollektiven Bewusstsein.




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