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Kritik: Alva (2019)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Der portugiesische Regisseur Ico Costa präsentiert einen atmosphärisch dichten Spielfilm mit ungewöhnlicher Dramaturgie. Der Held begeht, kaum dass man sich in sein karges einsames Leben auf dem Lande einzufühlen beginnt, ein Verbrechen. Nun folgt der Film diesem Mann, der von Rechts wegen hinter Gitter gehört, in sein neues Dasein im Versteck in den Bergen. Ohne Kontakt zu Menschen, frierend und hungernd, scheu und entwurzelt, bezieht Henrique seine Kraft aus dem puren Überlebenswillen. Was in ihm vorgeht, weiß man nicht, und doch wird einem dieser Kämpfer gegen die Sinnlosigkeit seltsam vertraut.

Schon bevor Henrique das Verbrechen begeht, lassen sich Anzeichen einer inneren Verwahrlosung erkennen. Der Milchmann ermahnt ihn, die Schafe doch täglich hinauszutreiben. Wenn sich der Schweigsame in Gegenwart eines flüchtigen Besuchs eine Zigarette dreht, muss er sie alleine zu Ende rauchen. In seinem Steinhaus herrscht Unordnung, der alte Fernseher ist verstaubt. Henrique setzt sich mitten im Gerümpel zum Essen nieder, das aus Konserven besteht. Als er untertaucht, werden seine Bewegungen vorsichtig, zaghaft, als rätsele er selbst über die Zielrichtung. Dabei scheint ihm auch die Zeit zu entgleiten. Nur einmal gibt es in diesem Drama einen Moment der Zufriedenheit, als Henrique – wie viele Jahreszeiten mögen vergangen sein? - sich neben einem Lagerfeuer entspannt hinlegt.

Costa, der auch das Drehbuch verfasste, wartet mit einer überraschenden Wendung auf. Auch wer die Opfer des Verbrechens waren, wird erst am Schluss enthüllt. Der wortkarge Film, der auf Musik verzichtet, wirkt nicht zuletzt wie eine Liebeserklärung an die grüne portugiesische Hügellandschaft. Archaische Steinhäuser aus der Epoche vor der Landflucht vergammeln zwischen Brombeerhecken, ein Einheimischer wie Henrique kennt dort unzählige Wege, die scheinbar ins Nirgendwo führen.

Der Titel ist übrigens der Name eines Flusses, an den Henrique kommt. Das trockene Laub des Winters, der Regen, die Vogelstimmen der Frühlings, das Surren der Insekten fügen sich zu sinnlichen Eindrücken einer Natur, die ein gewisses Maß an Geborgenheit ausstrahlt. Darunter lauert aber ein Gefühl der Verlorenheit, denn diese alte Kulturlandschaft nimmt Menschen, die ihr längst den Rücken gekehrt haben, nicht mehr mit offenen Armen auf.

Fazit: Der portugiesische Regisseur Ico Costa hat ein atmosphärisch dichtes Drama inszeniert, dessen Antiheld sich nach einem Kapitalverbrechen in den Wäldern versteckt. Es folgt dem wortkargen Mann auf seinen Wegen in die absolute Einsamkeit in Hör- und Sichtweite der Zivilisation. Die ungewöhnliche Dramaturgie lässt lange offen, auf wen der Mann schoss und hüllt sich auch bezüglich des vorangegangenen Familiendramas in Schweigen. Sie nähert sich auf bewegende Weise einem Menschen, dessen Charakter abgesehen von der bösen Tat unbekannt bleibt, beim Versuch, der eigenen Existenz doch noch Sinn und Halt zu geben.




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