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Vom Gießen des Zitronenbaums
Vom Gießen des Zitronenbaums
© Neue Visionen

Kritik: Vom Gießen des Zitronenbaums (2019)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Ein Mann mit Strohhut, der schweigend Zeuge possenhafter Begebenheiten wird, weckt natürlich Erinnerungen an Jacques Tatis legendären Filmcharakter Monsieur Hulot. Wo der Protagonist Elia Suleiman in dieser Komödie geht und steht, ob in seiner Heimatstadt Nazareth, in Paris oder New York, findet er Anlass, sich zu wundern. In zumeist komischen, absurden Situationen, die als Sketche präsentiert werden, gibt ihm der Zeitgeist Rätsel auf. Elia Suleiman, der Palästinenser, der in Paris und New York auch Produzenten für sein Film finden will, drückt sein Staunen am elementarsten durch konsequente Sprachlosigkeit aus. Wenn er dann mal doch einen Satz sagt, verblüfft er damit erst recht sein Publikum.

Als ihn ein Professor im Gespräch über seinen Film fragt, ob er als Weltbürger ein "perfekter Fremder" geworden sei, versteht Elia offenbar nur Bahnhof. Denn der von sich selbst eingenommene Mann hat seine Gedanken so kompliziert, intellektuell schwadronierend ausgedrückt, als wolle er jede mögliche Entgegnung im Keim ersticken. Elia Suleimans Schmunzelsatire erinnert auch den schwedischen Film "Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach" von Roy Andersson. Gemeinsam ist den beiden Werken nicht nur die lose Aneinanderreihung kurzer Anekdoten, sondern auch ein Hang zum Surrealen. In fast allen Episoden gibt es bei Suleiman eine Zuspitzung ins Groteske, die die Realität karikiert oder als pure Fantasie weiterspinnt.

Der Produzent, den Elia in Paris kontaktiert, kritisiert an seinem Projekt, dass die Geschichte nicht nur in Palästina, sondern überall auf der Welt spielen könnte. Von einem Palästinenser wird nun einmal Einschlägiges zum Nahostkonflikt erwartet. Dabei gewinnt der Palästinenser in Paris und New York vielen Dingen gerade aufgrund seiner Herkunft und Erfahrung interessante, entlarvende Aspekte ab. Polizisten sind mit Nichtigkeiten beschäftigt, Spaziergänger werden in einem Pariser Park zu kämpferischen, rücksichtslosen Besetzern freier Stühle. Nicht jeder Witz zündet, nicht alle Szenen sind aussagekräftig. Manchmal handelt es sich um Fundstücke von eher luftigem Charme, die nur einen Moment lang matt glänzen. Der kühne, visionär anmutende Schluss gilt dann wieder ganz Elias Heimat, für die der Filmemacher in diesem Werk eine Brücke zur westlichen Welt schlägt.

Fazit: Der palästinensische Filmemacher Elia Suleiman flaniert als Hauptfigur seiner Komödie durch Nazareth, Paris und New York. Vor dem Auge des stillen Betrachters spitzt sich Alltägliches skurril zu. Die satirische, verspielte Übertreibung hat System, denn die kurzen anekdotischen Possen entlarven allerlei Erscheinungen des Zeitgeists und der jeweiligen gesellschaftlichen Kultur zur Kenntlichkeit. Mal heiter, mal bissig oder melancholisch, sinniert Elia Suleiman über das Fremde in der Heimat, über seinen Standpunkt eines Weltbürgers, der die Heimat im Herzen trägt.




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