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Kritik: Jeanne d'Arc (2019)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Wie eine Passionsgeschichte inszeniert der Regisseur Bruno Dumont dieses Drama über die französische Nationalheldin und von der Kirche heiliggesprochene Jeanne d‘Arc. Es basiert auf dem gleichnamigen Stück von Charles Péguy aus dem Jahr 1897 und schildert den leidvollen letzten Lebensabschnitt der gläubigen Frau, die 1431 im Alter von 19 Jahren als Ketzerin verbrannt wurde. War der Vorgängerfilm "Jeannette", der von der Kindheit und Berufung der späteren Kriegsheldin handelte, noch als Musical inszeniert, wählt Dumont hier eine andere Form. Stichpunktartig vertieft sich das Drama in ausgewählte Episoden wie Jeannes Verhör vor dem Kirchentribunal. Ein paar wenige Male erklingt aus dem Off Gesang, wenn Jeanne forschend zum Himmel aufschaut und zugleich nach innen blickt, um ihr Herz mit Gott sprechen zu lassen.

Jeanne wird von der zehnjährigen Lise Leplat Prudhomme gespielt, die sie als Kind in "Jeannette" darstellte. So wirkt Jeanne, die nun als Kriegsheldin von ihren Getreuen und Gesprächspartnern als Madame Jeanne angesprochen wird, noch einmal viel jünger als sie sowieso war. Die Unschuld und Reinheit ihres Herzens, aber auch ihre Einsamkeit kommen so, im Vergleich mit ihrem Umfeld, deutlich zum Vorschein. Parallelen zur Klimaaktivistin Greta Thunberg drängen sich auf, denn Dumont drückt das zeitlose Prinzip eines jugendlichen, puren Idealismus aus, der das korrupte, träge, egoistische Establishment herausfordert.

Die theaterhafte Inszenierung verweilt sehr ausgiebig an einzelnen beispielhaften Stationen, die sich nicht sklavisch an die historischen Tatsachen halten. Wie in "Jeannette" dienen anfangs Sanddünen als Schauplatz von Unterredungen Jeannes mit Mitstreitern und Beratern. Dann spielt eine imposante gotische Kathedrale eine wichtige Rolle, in der der Prozess stattfindet. Dumont baut einen starken Gegensatz auf zwischen der religiösen Erhabenheit des Ortes und den versammelten Theologen, die über Jeanne richten sollen. Die Herren wirken etwas absonderlich, manche sogar degeneriert, ähnlich wie die Adligen in seiner historischen Satire "Die feine Gesellschaft". Unbeugsam, unbeirrt gibt Jeanne den Gelehrten mutig Kontra.

Eine tiefe Gläubigkeit prägt den ganzen Film, denn Jeanne hat niemanden mehr, an den sie sich wenden kann, als den Himmel. Ihr stilles Gebet, auch noch vor dem Gang in den Tod, verleiht dem Film eine bewegende emotionale Ausdruckskraft.

Fazit: Solange die jugendliche Jeanne d‘Arc auf dem Schlachtfeld erfolgreich ist, glauben die französischen Krieger und Kirchenmänner gerne, dass sie einer göttlichen Stimme folgt. Das ändert sich nach der ersten Niederlage. Unter der Regie von Bruno Dumont entwickelt sich das Drama, das zwei Jahre vor Jeanne d‘Arcs Hinrichtung auf dem Scheiterhaufen im Jahr 1431 einsetzt, zu einer regelrechten Passionsgeschichte. Jeannes jugendlicher Idealismus besitzt eine zeitlose Gültigkeit, die auch Parallelen zur Gegenwart ermöglicht und den Film trotz einiger Längen zu einem bewegenden Erlebnis macht.




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