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Kritik: Una Primavera (2018)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Valentina Primavera, 1985 geboren und in den Abruzzen aufgewachsen, lebt und arbeitet in Berlin. Mit "Una Primavera" legt die ausgebildete Bühnen- und Kostümbildnerin ihren ersten Dokumentarfilm vor. Wie viele Debüts widmet sich auch Primaveras Erstling einem biografischen Stoff. Eine solche Themenwahl zeugt im schlimmsten Fall schlicht von Einfallslosigkeit, in Primaveras Fall geht die Familiengeschichte unter die Haut.

Bei der Herangehensweise steht Valentina Primavera vor zwei großen Herausforderungen: Wie soll sie ein so heikles Thema wie häusliche Gewalt in ihrem Film abbilden – zumal dann, wenn die Taten in der Vergangenheit liegen und deren Spuren, zumindest die körperlichen, nicht mehr sichtbar sind? Und wie soll sie sich selbst zu ihrem Film und den darin gezeigten Personen, die größtenteils mit ihr verwandt sind, verhalten? Die Regisseurin wählt die indirekte Vermittlung. Sie selbst ist kaum im Bild, als fragende Stimme hinter der Kamera aber immer präsent. Die tiefen seelischen Verwundungen der Vergangenheit brechen sich in intensiven Befragungen ihrer Mutter Bahn. Eine große Stärke dieses Films.

"Una Primavera" ist ein gutes Stück von einem rundum gelungenen Dokumentarfilm entfernt. Der von Valentina Primavera selbst geführten Kamera mangelt es an Professionalität, der Dramaturgie an Verdichtung, der Montage mitunter an Präzision. Durch den etwas losen Fokus, der Fiorella Primaveras Umgebung sehr umfänglich in den Blick nimmt, schält sich aber ganz allmählich ein ebenso umfangreiches, in seinen Ausmaßen erschreckendes Bild einer längst überwunden geglaubten, patriarchalen Gesellschaft heraus.

Gerade hier gibt dieser Dokumentarfilm ein mahnendes Beispiel, wie einfach es sein kann, Strukturen unhinterfragt zu übernehmen. Obwohl die Söhne, Töchter und Enkelkinder glauben, es besser zu machen, sind ihre eigenen kleinen, scheinbar heilen Familienuniversen denen ihrer Väter, Mütter und Großeltern näher, als vielen lieb sein mag.

Fazit: "Una Primavera" ist kein rundum gelungener Dokumentarfilm, aber ein intensives und emotionales Debüt. Die Regisseurin begleitet die Scheidung ihrer Mutter unnachgiebig und legt so nicht nur persönliche Verwundungen, sondern auch gesamtgesellschaftliche Problemfelder offen.




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